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Alles Grün - oder was?

Ein (All)Tag voller Greenwashing

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Unternehmen betreiben gerne Greenwashing. Lasst euch nicht an der Nase herumführen! (Bild: Ivan Marc/Shutterstock)

Hier ein klimaneutrales Produkt, dort ein grünes Unternehmen. Ein nachhaltiges Leben ist möglich - aber nicht so, wie Werbung und Wirtschaft uns das oft weismachen wollen. Eine Glosse in Form eines Streifzugs durch die bisherigen VKI Greenwashing-Checks. 

Nachhaltig leben - ohne Kompromisse

Mein Tag beginnt mit einer Tasse Kaffee – klarerweise einem ausgesuchten Bio-Kaffee, weil der in einem Beutel daherkommt, der aussieht wie Papier, sich anfühlt wie Papier – aber die Aromen verlässlich schützt dank Plastik-Aluminiumverbundmaterial - als das sich die Verpackung letztlich herausstellt. Aber: wir Österreicher trennen ohnehin so brav Müll. Darin sind wir, wie bei Nachhaltigkeit generell - amtlich durch eine Studie unter Beteiligung des VKI bestätigt - gefühlte Weltmeister. Die Verpackung entsorge ich demnach gewissenhaft im gelben Sack. Sie wird dann aber nicht recycelt, weil es dafür gar keine geeigneten Sortieranlagen gibt, sondern – schöner Begriff – thermisch verwertet. Also verbrannt. Das aber sicherlich CO2-neutral. 
Während ich am Kaffee nippe - noch müde von der vortägigen Dienstreise, die ich aber selbstverständlich im nachhaltigen Airliner absolviert habe -, lese ich die Nachrichten. Pandemie, Ukrainekrieg, Inflation, Hitzewelle, Waldbrände, Dürre, Gaskrise. Naja, immerhin beziehe ich zwar fossiles, dennoch klimaneutrales Erdgas. Der Winter - so es denn noch einen geben wird, der diese Bezeichnung verdient (Schnee, zweistellige Minusgrade) - kann also kommen. Auch beim Strom bin ich klarerweise vorn dabei, denn aus meiner Steckdose fließt nämlich nicht schnöder Öko-, sondern trendiger Biostrom

Weil ich frei habe, radle ich zum nächsten Supermarkt und kaufe mir von Dahoam das Beste, regionaler geht gar nicht - und regional ist ja gleichzusetzen mit nachhaltig. Ob ich regional beim Supermarkt oder regional beim Produzenten direkt kaufe: das macht ohnehin keinen Unterschied, oder? Außer den, dass ich im Supermarkt auch gleich den Energydrink meines Vertrauens in der nachhaltigen Aluminiumdose kaufen und am Parkplatz stehend trinken kann. Am glühenden Asphalt an der Dose sippend, schreie ich vor Freude: direkt neben dem Supermarkt bauen sie auf der bisher grünen Wiese eine Supermarktfiliale desselben Händlers – diesmal noch größer. Aber das macht nichts. Denn: ein Kran stellt gerade riesige, dicke Betonwände auf – und der „Naturliebhaber“ Beton „erhält Wiesen und Wälder“ laut einer Kampagne der Betonwirtschaft – also muss das stimmen. Mir geht das Herz auf angesichts von so viel Natur-, Klima- und Bodenschutz. Aber klar: it’s 2022, stupid! Die alte, seit nicht einmal zehn Jahren bestehende Filiale reißen sie dann nieder und vergrößern den Parkplatz. Mit bösem Asphalt anstatt gutem Beton!

Zuhause wieder angekommen steht ein Paket vor der Tür. Von einem großen Online-Händler, der zu Unrecht zu oft in der Kritik steht. Denn hier ist alles unaussprechlich klimafreundlich, irgendwas mit Climate und Friendly. Aussprechen muss man es nicht können – nachhaltig muss es sein. Und das ist es - schließlich kommt das Shampoo in einer verpackungsreduzierten Flasche daher, deren Verpackungsvolumenverhältnis mit einer Formel berechnet wurde, an der selbst angewandte Klimamathematiker scheitern würden. 
Ich verzichte auf das Mittagessen, weil Essen so umweltunfreundlich ist. Setze mich stattdessen ins Auto, weil ich noch Wege habe. Ja, ich gebe zu – ich konsumiere gerne, aber immer schön grün. Doch: ich kaufe nicht nur nachhaltig, ich fahre auch ökologisch, weil emissionsfrei. Nein, ich habe kein E-Auto (aber hallo: Ökobilanz! Kobalt! Strombedarf! Batterieherstellung! Brandgefahr!), sondern tanke meinen Diesel-PKW (der in der Herstellung sozial und ökologisch völlig unproblematisch und ohne jede Auswirkung ist) verantwortungsbewusst bei einer Tankstelle und gleiche mit dem Erdölunternehmen gemeinsam, Hand in Hand, beim Volltanken die Emissionen aus (Link inkl. Video) – danke für diese Möglichkeit, danke, danke: alles wie bisher machen, trotzdem die Welt retten. Ich bin selig und wasche meine Hände in Rohöl. 

Dann geht es ab zum Einkaufen, mache Halt bei einer Drogeriekette. Ich gestehe: Obwohl ich wirklich Druck ausübe und meinem zweijährigen Kind bei jedem Windelwechsel mit einer Reihe von sachlichen Argumenten erkläre, wie unökologisch und so gar nicht nachhaltig es agiere, weigert es sich partout trocken zu werden. Also bin ich ob so viel Renitenz gezwungen, Windeln zu kaufen. Nein, keine Mehrwegwindeln, das ist ja grauslich - außerdem: der Wasser- und Energieverbrauch beim Waschen, der pure Horror! Trotzdem greife ich logischerweise zu absoluten Ökowindeln. Ein Kompromiss, mit dem ich leben kann: Einweg, aber öko. Eine Tonne Abfall pro Wickelkind – aber nachhaltiger Müll. Am Weg zur Kassa entdecke ich im Regal etwas, was meinen Puls in die Höhe jagt wie sonst nur ein neues Gütesiegel: Ausgewählte Produkte der Drogeriekette sind nicht nur klima-, sondern sogar umweltneutral. Was immer das sein mag - es hört sich spitzenmäßig an. Ich möchte auf die Knie fallen und rufen, in  welch sensationellen Zeiten wir doch leben dürfen, dass ein Händler, dessen Gesamtsortiment 15.000 Produkte umfasst, ganze 15 umweltneutrale Hygieneartikel anbietet – dazu bin ich aber mit zu vielen Windeln bepackt. Zuguterletzt greife ich im Vorbeigehen auch noch beim veganen, naturbasierten Weichspüler zu – den brauche ich zwar nicht, aber wenn es quasi schon natürlich ist, warum denn nicht? Vergan klingt auch immer gut und weltverbessernd. So geht nachhaltiger Konsum. Kaufen - aber verantwortungsbewusst. Das tut der Wirtschaft und der Umwelt gleichermaßen gut. 

Danach fahre ich zum Gartencenter, der Grünen Nummer Eins, und bestelle einen Baum, um meinen Garten mit einem bienenfreundlichen Schattenspender klimawandelanzupassen – die Bestellung unterschreibe ich übrigens mit einem 100% recycelbaren Kugelschreiber - der dann aber - siehe oben - wegen nicht vorhandener Sortieranlagen in der Verbrennung landet. Aber gut: Nietzsche sprach schon im 19. Jahrhundert von der Ewigen Wiederkunft des Gleichen - also ist das philosophisch betrachtet wohl irgendwie nachhaltig. 
Nachhaltig leben macht jedenfalls durstig, auch wenn es einem eigentlich leicht gemacht wird, das wahrhaft nachhaltige Kauferlebnis – trotzdem genehmige ich mir ein Fluchtachterl. Ich gehe zwar nirgends mehr hin, aber man gönnt sich doch sonst nichts. Außerdem ist Alkohol ja jetzt erst kürzlich von höchster Stelle als österreichische Lösung für eh alles genehmigt worden. Ich trinke aber keinen biologisch zertifizierten Wein wie es jeder dahergelaufene Bobo machen würde, sondern schenke mir aus einer Bouteille, die mit einem österreichischen Nachhaltigkeitssiegel zertifiziert ist, reinen Wein ein.

In vino veritas Greenwashing

Und so muss leider klargestellt werden, dass von allen erwähnten und vom VKI untersuchten, oben angeführten Beispielen genau eines kein Greenwashing ist (wer nicht alle Checks lesen will wird hier fündig). Vor bald eineinhalb Jahren haben wir den VKI Greenwashing-Check veröffentlicht – frei für jedermann und jederfrau zugänglich lesbar. Gleichzeitig haben wir Konsument:innen auch die Möglichkeit geboten, uns Beispiele zu melden, die deren Ansicht nach Greenwashing sind. 

Greenwashing: das ist eine Vielzahl von Strategien mit denen Unternehmen, sich selbst oder den Produkten/Dienstleistungen, die sie anbieten, ein grünes Image umhängen - obwohl faktisch nichts oder zu wenig dahinter ist. Besonders beliebt: das Spiel mit vagen Begriffen, zu denen sich alles Mögliche assoziieren lässt. Beispielsweise: Grün. Nachhaltig. Klimaneutral. Letzteres regt Konsument:innen besonders auf. Ein Viertel aller Meldungen betrifft Slogans rund um klimaneutral oder CO2-neutral. Besonders regt das die Leute auf, wenn das Kerngeschäft offensichtlich schmutzig oder fossil ist – etwa klimaneutrales Heizöl oder Erdgas. Noch problematischer ist das allerdings in Bereichen, wo die Diskrepanz zwischen Behauptung und Realität für Konsument:innen nicht gar so offensichtlich ist.

Eineinhalb Jahre Greenwashing-Check

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Greenwashing-Check Logo (Bild: VKI)

Fazit: es bleibt viel zu tun. Es kann nämlich nicht jede und jeder Nachhaltigkeitsexpert:in sein – und jedem einzelnen Werbeversprechen auf den Grund gehen durch Recherchen und dem Einholen von Stellungnahmen. Es darf niemanden wundern, wenn jemand – wie das fiktive Ich in obigem Text - im besten Gewissen nachhaltig zu konsumieren glaubt und in Wahrheit mal mehr, mal weniger haltbaren Versprechungen auf den Leim geht. 

Die gute Nachricht. Der VKI bleibt an dem Thema dran. Wir setzen uns auf allen Ebenen, in Österreich wie auch auf europäischer Ebene weiter dafür ein, dass Nachhaltigkeitsversprechungen von Unternehmen, Produkten und Dienstleistungen belastbarer und glaubwürdiger werden – damit Konsument:innen endlich echte Orientierung im Dschungel aus Slogans und Labels haben. Erste Ansätze kommen auf EU-Ebene, hier liegen bereits Vorschläge am Tisch, die durchaus vielversprechend sind. Wir halten dazu auf dem Laufenden.
Bis dahin: nicht verzagen und immer unseren monatlichen VKI Greenwashing-Check im KONSUMENT und auf vki.at/greenwashing lesen. 

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