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Aneinander vorbeigeschrieben

Zwischenmenschliche Kommunikation braucht mehr als Emojis

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Emojis sind kein Ersatz für Mimik, Gestik und Stimmungen (Bild: Alex Gontar / Shutterstock.com)

Wie heißt es so schön? „Durchs Reden kommen d’ Leut z’samm.“

Wenn wir die Möglichkeit, dauerhaft aneinander vorbeizureden jetzt einmal ausklammern, dann steckt auch heute noch einiges an Wahrheit in der alten Weisheit. Warum auch nicht? Wir Menschen haben uns ja im Laufe der Jahrhunderte nicht grundlegend verändert. Problematisch ist aber zweifellos, dass wir heutzutage unter dem Druck der modernen Medien etwas ganz anderes vorantreiben, nämlich ganz nach dem Motto: „Das Schreiben bringt d’ Leut auseinand.“

Abweichende Interpretation

Als Journalist bin ich seit jeher damit konfrontiert, dass das von mir Geschriebene von den Empfängern mitunter abweichend verstanden wird. Im Grunde genügt es schon, wenn der Leser die Betonung auf ein anderes Wort legt, als ich es beim Schreiben in Gedanken getan habe, und die Aussage eines Satzes hat sich verändert. Die Beistrichsetzung ist in diesem Zusammenhang ebenfalls ein Thema für sich. Man denke nur an jenes Beispiel, das seit Jahren im Internet kursiert: Zwischen "Wir essen, Opa" und "Wir essen Opa" liegen nicht nur Welten, sondern auch Fragen der Ethik sowie der strafrechtlichen Konsequenzen.

Schneller als das Hirn denkt

Auf die Spitze getrieben wird das Phänomen des Vorbeischreibens am anderen allerdings erst durch zeitgemäße Textbotschaften wie E-Mails, WhatsApp-Nachrichten oder Facebook-Postings. Die Finger tippen schneller, als das Hirn denkt, und schon nimmt das Unheil seinen Lauf, fehlen doch jene nonverbalen Signale, welche die zwischenmenschliche Kommunikation komplettieren. Selbst zurückgezogen in ihren abgedunkelten Zimmern hausende Teenager bemerken spätestens anhand der Rückmeldungen ihrer Chatpartner, dass etwas fehlt.

Magerer Ersatz

Kein Wunder also, dass auf WhatsApp & Co die sogenannten Emojis boomen (siehe Titelfoto) und fast jährlich neue hinzukommen. Doch selbst die werden oft sehr subjektiv interpretiert und sind letztlich ein magerer Ersatz für Mimik, Gestik, Tonfall und Stimmungen - alles das also, das nur von uns Menschen lebendig und somit eindeutig bereitgestellt werden kann.

Auge in Auge

Was lernen wir daraus? Vielleicht, dass es manchmal doch noch sinnvoll ist, einander Auge in Auge gegenüberzusitzen oder zumindest zum Telefon zu greifen, wo die Stimme ja doch auch ein paar Informationen zur emotionalen Lage mittransportiert. Das würde beiden Seiten helfen: jenen, die es gar nicht so gemeint haben, wie es verstanden wurde, und jenen, die es anders verstanden haben, als es gemeint war. Aneinander vorbeireden kann man dann immer noch, aber die Gefahr, aneinander vorbeizuschreiben, ist im Vergleich dazu eindeutig die größere.

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