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Die menschliche Komponente

Fortschritt darf sein, aber es braucht auch analoge Ankerpunkte in unserer digitalisierten Welt

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Plattenspieler: Analoger Gruß aus der Vergangenheit und derzeit wieder in (Bild: Beloborod/Shutterstock.com)

„Früher war sogar die Zukunft besser“, sagte einst der Münchner Komiker Karl Valentin und karikierte damit diese „Früher-war-alles-besser“-Haltung, in die wir Menschen seit jeher gerne verfallen.

Was mich betrifft, hatte Karl Valentin nur insofern recht, als ich mich damals noch weit mehr als heute für die aktuellen technischen Entwicklungen begeistern konnte und mir alles, was neu war, automatisch auch als besser erschien. Ich wollte mit dabei sein - vielleicht nicht unbedingt als Pionier (also Early Adopter, wie man heute sagt), aber zumindest als einer der frühen Nutzer aus der zweiten Reihe.

Müdes Lächeln

Zum Beispiel ist es ein paar Jahrzehnte her, dass ich den Beschluss fasste, Musik nur noch auf CD zu kaufen. Die Silberscheiben, aus denen die Kinder des 21. Jahrhunderts mittlerweile Kerzenuntersetzer basteln, glänzten Ende des 20. Jahrhunderts noch allzu verlockend, um sie links liegenzulassen. Zwecks Finanzierung meines neuen Hobbys, das ja auch die Anschaffung eines nicht gerade preisgünstigen CD-Players voraussetzte, hielt ich es für eine gute Idee, einem Altwarenhändler eine Reihe von Schallplatten anzubieten. Mehr als ein müdes Lächeln bekam ich allerdings nicht von ihm. Aus damaliger Sicht war die Vinyl-Schallplatte ein für alle Mal Geschichte und reif für den Müll. Ich brachte es am Ende freilich nicht über mich, meine Sammlung dorthin zu befördern. Unabhängig davon hielt ich mit der technischen Weiterentwicklung - wenn auch zunehmend kritisch - weiterhin Schritt, bis hin zum digitalen Zeitalter.

LPs und mobile Drucker

Mittlerweile kaufe ich meine Musik in Form von Dateien und verwalte Tausende von Bildern auf dem PC (und ich habe sogar ein einigermaßen brauchbares Ordnungssystem). Mit Erstaunen beobachte ich daher, dass sich junge Leute, die bis vor Kurzem mit dem Begriff LP genau gar nichts anfangen konnten, plötzlich für Plattenspieler interessieren und dass sie mit dem Smartphone geschossene Fotos ausdrucken (wofür es inzwischen eigene mobile Drucker gibt, auch wenn sie mehr oder weniger zweifelhafte Ergebnisse liefern).

Nicht Rückschritt, sondern Beständigkeit

Kurioserweise habe ich als im vorigen Jahrhundert Geborener diese Entwicklung in einer ersten Reaktion als rückschrittlich empfunden. Ist sie aber nicht. Unterm Strich orte ich – auch bei mir – dieses menschliche Bedürfnis nach Dingen, die man angreifen kann, die Beständigkeit ausstrahlen, nach analogen Ankerpunkten in unserer kurzlebigen digitalisierten Welt. Und darum geht es wohl seit jeher bei jeder Form von Fortschritt: Offen zu sein für Neues, aber auch die menschliche Komponente niemals aus den Augen zu verlieren.

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