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Hormonschädigende Chemikalien

Das lange Zaudern der EU

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World Cloud Endocrine System (Grafik: Maialisa @ pixabay.com)

Obwohl schon seit Jahrzehnten bekannt ist, dass manche körperfremde Stoffe das Hormonsystem von Mensch und Tier negativ beeinflussen können, wurden bis heute kaum gesetzliche Maßnahmen getroffen. Da ich hormonschädigende Chemikalien für eine globale Bedrohung halte, versuche ich mich darüber auf dem Laufenden zu halten, das Wissen zu verbreiten und Stellung zu beziehen, wenn und wo ich es für sinnvoll halte - und wenn ich Zeit dazu finde. Dabei stelle ich immer wieder fest:  Als eigentlich überzeugte Europäerin bin ich über die Vorgänge in der EU – insbesondere in der EU-Kommission – immer wieder enttäuscht und entsetzt.

Die EU-Kommission ist säumig

Bereits 2013 sollten Verbote und Beschränkungen für hormonschädliche Chemikalien bei Biozidprodukten in Kraft treten, seit 2015 sollten Maßnahmen bei Kosmetika eingeführt werden – dies wurde in den jeweiligen Gesetzen festgeschrieben. Beides ist bis jetzt noch nicht erfolgt. Ein Spiegel-Artikel beschreibt recht klar die Hintergründe.

Selbst der erste Schritt in diese Richtung wurde noch nicht getan: Die Festlegung von wissenschaftlich eindeutigen Kriterien zur Identifizierung von hormonell schädigenden Chemikalien (engl.: Endocrine Disruptors oder Endocrine Disruptive Chemicals = EDCs). Auch hier hat die EU-Kommission die Frist mit Jänner 2013 verstreichen lassen. Dafür wurde sie dann auch - auf Betreiben Schwedens - im Dezember 2015 durch den EuGH (Europäischen Gerichtshof) wegen Säumigkeit verurteilt.

Im Juni 2016 (mit 2,5 Jahren Verspätung!!!) wurde ein Entwurf von Kriterien zur Identifizierung von EDCs  zur Diskussion vorgelegt. Viele Mitgliedsstaaten der EU waren mit dieser aus Ihrer Sicht viel zu engen Definition nicht einverstanden; das Österr. Umweltbundesamt und die AGES haben eine gemeinsame Stellungnahme dazu verfasst. In dieser Stellungnahme - wie auch von vielen anderen Seiten - wird gefordert, dass für endokrine Eigenschaften ähnliche Kategorien wie für krebserzeugende, reproduktionstoxische und mutagene Eigenschaften eingeführt werden. Diese haben sich in der Chemikalieneinstufung bereits seit vielen Jahren bewährt. Sie ermöglichen unterschiedliche Maßnahmen für die unterschiedlichen Datenlagen bzw. Testergebnisse zu den verschiedenen Chemikalien. Am Beispiel der krebserzeugenden Wirkungen:

  • Kat. 1A und 1B "Kann Krebs erzeugen"
  • Kat. 2  "Kann vermutlich Krebs erzeugen"

Dies wurde nicht aufgenommen. Die letzten Entwürfe enthalten jedoch - erstmals am 21.12. 2016 - sozusagen als „Weihnachtsgeschenk“ an die Pestizidlobby eine neue Ausnahme für Substanzen, die auf das endokrine System von Schadorganismen wirken. Es soll auch in Kauf genommen werden, dass alle Organismen derselben Art wie die "Schadorganismen" negativ beeinflusst werden. Mit einiger Verzögerung wurden am 12. Juli 2017 diese Kriterien in einer Kommissionssitzung positiv abgestimmt, bevor sie aber offiziell gemacht werden konnten, hat das EU Parlament am 5. Oktober 2017 eine Resolution dagegen verabschiedet – mit der Begründung, dass die KOM mit dem letzten Paragraphen Ihre Befugnisse überschritten hat. Im Moment ist nicht ganz klar, wann und wie es weitergeht.

Diese Verzögerungen von Regulierungen und deren Beeinflussung durch die Industrie sind für die Wirtschaft gut - für uns, unsere Umwelt und unsere Nachkommen können sie aber fatale Folgen haben.

 

Warnruf der Wissenschaft:  Let’s stop the Manipulation of Science!

Zahlreiche und namhafte Wissenschaftler fordern seit Jahren mehr Forschung, aber auch gesetzliche Maßnahmen zu den hormonschädlichen Chemikalien dringend ein. Am 30. November veröffentlichten über 100 anerkannte Wissenschaftler einen Aufruf in der Zeitung Le Monde an Europa und die internationale Gemeinschaft, endlich gegen EDCs vorzugehen. In diesem Artikel wird auch die vergleichbare Strategie der Industrie in der Klimawandel-Debatte angeprangert: das Streuen von Zweifeln mit dem Zweck, etwaige Maßnahmen zu verhindern oder zu verzögern. Das ist nicht neu: David Michaels beschreibt in dem Buch "Doubt Is Their Product: How Industry's Assault on Science Threatens Your Health" , die "Zweifel-und-Verzögerungs-Taktik" der Tabakindustrie seit den 60er Jahren des 20. Jahrhundert. 

 

LINKS

EU-KOMMISSION – GD UMWELT: Endocrine Disruptors
http://ec.europa.eu/environment/chemicals/endocrine/

EU-KOMMISSION - GD GESUNDHEIT UND LEBENSMITTELSICHERHEIT: Endocrine Disruptors
http://ec.europa.eu/health/endocrine_disruptors/policy/index_en.htm

Initiative “EDC-free Europe”
http://www.edc-free-europe.org/

 

KRITERIEN ZUR IDENTIFIZIERUNG von hormonschädlichen Chemikalien

Webseite der EU Kommission http://ec.europa.eu/health/endocrine_disruptors/next_steps_en

Letzter Enwurf zur Vorlage am 28.2.2017 https://ec.europa.eu/health/sites/health/files/endocrine_disruptors/docs/201702_bp_criteria_en.pdf

Ein paar ausgewählte Stellungnahmen

Frankreich, Dänemark und Schweden protestieren gegen den ersten Entwurf der Kriterien für hormonschädliche Chemikalien (2016)
http://www.regeringen.se/globalassets/regeringen/dokument/miljo--och-energidepartementet/pdf/vytenisandriukaitis.pdf/

Environmental Health News (21.12. 2016): Endocrine disruptors: The discreet but major gift to the pesticides lobby.
http://www.environmentalhealthnews.org/ehs/news/2016/dec/endocrine-disruptors-the-discreet-but-major-gift-to-the-pesticides-lobby

Bündnis von Nichtregierungsorganisationen, Jänner 2017http://www.wecf.eu/download/2017/01-January/Gem_Stellungnahme_EDCs.pdf

"The Endocrine Society", Februar 2017 Diese Vereinigung hat über 18,000 Mitglieder, aus dem Bereichen Wissenschaft, Medizin, Ausbildung, Krankenpflege und Studenten aus 122 Ländern.
http://www.newswise.com/articles/view/669384/?sc=rsmn&utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+NewswiseMednews+%28Newswise%3A+MedNews%29

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