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Internet der unkontrollierbaren Dinge

Vom Kühlschrank bis zum Toaster, bald werden alle unsere Haushaltsgeräte im Netz hängen. Als ob wir nicht schon genug Probleme hätten.

Die USA Ende Oktober 2016. Auch abseits des Wahlkampfes spielte sich Dramatisches ab: Plötzlich ging bei Netflix, Spotify und Co. stundenlang nichts mehr. Während die Kunden ihre Onlinedienste vergeblich zu erreichen versuchten, waren diese mit der Abwehr einer Internetattacke beschäftigt. Auf den ersten Blick nichts Neues, aber intensiver als je zuvor. Es war, als würden Millionen von Nutzern gleichzeitig den Song eines über Nacht berühmt gewordenen Teeniestars abrufen wollen. Was das mit Samsungs vernetztem Kühlschrank zu tun hat, den ich heuer auf der Berliner Funkausstellung IFA bewundert habe? Mehr als uns allen miteinander lieb ist.

Und kühlen kann man damit auch

Groß, glänzend und mit riesigem Display stand er vor mir. Ein Tablet mit Kühlfunktion, wie ich im Scherz meinte, aber ich gebe zu, dass ich beeindruckt war. Vielleicht war das tatsächlich die zukünftige Schaltzentrale der Haushalte in Berlin, New York, Tokio, Gramatneusiedl, einfach überall. Warum auch nicht? Nie wieder planlos im Supermarkt umherirren, Unnötiges einkaufen und Wichtiges vergessen.

Willkommen zur Liveübertragung
aus Ihrem Kühlschrank!

Ein Fingertipp aktiviert via Smartphone-App drei Kameras, die Livebilder aus dem Innenraum des Kühlschranks liefern. Aber das ist nur ein verspielter Nebenaspekt. Letztlich lässt sich mit diesem Computer aus der Haushaltsabteilung das gesamte Familienleben verwalten, von der Terminplanung über das Handytelefonat und den Videochat bis hin zum Streamen von Filmen und zum Kochrezept auf Basis der gerade daheim vorrätigen Zutaten. Nur zubereiten muss man die Gerichte noch selbst, aber es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis irgendein "smartes" Helferlein das übernimmt.

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Vernetzter Kühlschrank von Samsung - Display und Kameras im Innenraum (Bild: VKI)

Apropos smart

"Smart" bedeutet schlau, und wie das Smartphone als bester Freund des Menschen beweist, befähigt die eingebaute Schlauheit diese Dinger zu eindrucksvollen Leistungen. Aber halt! Tragen nicht auch die so genannten intelligenten Stromzähler diesese Attribut? Warum noch einmal wehren wir uns mit Händen und Füßen gegen den Einbau dieser Smart Meter in unsere Zählerkästen? War da nicht etwas betreffend die Weitergabe von Daten über unsere Lebensgewohnheiten? Eine Unart, die unsere Handys gleichfalls an den Tag legen.

Wie die Erfahrung zeigt, neigen wir halt dazu, solche Tatsachen zu ignorieren. Und überhaupt gewöhnt man sich an alles. Das Leben ist eben ein Geben und Nehmen. Wir geben unsere Daten und kommen dafür in den Genuss vieler kostenloser Services, so sinnbefreit viele davon auch sein mögen.

Sollen sie doch wissen, wie viel
Milch ich eingelagert habe!

Ganz nach dem Motto "Is eh scho wurscht" soll Samsung doch wissen, wie viel Liter laktosefreie Milch ich im Kühlschrank habe, um welche Uhrzeit ich frühstücke, wann ich die Kinder zur Musikschule bringe, mit welchen meiner Kontakte ich stundenlang chatte und dass ich auf Star Trek abfahre. Was können sie schon großartig damit anstellen, außer mich mit Werbung zu belästigen, die sich nach meinen Interessen richtet?

Wobei die Datenschutzproblematik ja nur die eine Seite der Medaille ist. Es ist Zeit, auch deren im Dunkeln liegende Rückseite zu beleuchten.

Was ist denn DDoS?

Dort, im Dunkeln, wurde nämlich der eingangs erwähnte Internet-Angriff vorbereitet: Es handelte sich um eine DDoS-Attacke. "Distributed Denial of Service" bedeutet so viel wie "verteilte Dienstverweigerung" und hat in gewisser Weise tatsächlich etwas mit Arbeitsniederlegung zu tun. In aller Kürze: Hacker kapern Hunderte, Tausende, ja Hunderttausende von Geräten, die ins Internet eingebunden sind und fassen sie zu einem so genannten Botnetz zusammen. Dann bringen sie sie dazu, den Server eines Diensteanbieters zu kontaktieren, um dort Inhalte abzurufen, wie etwa den Song des Teeniestars.

Da ein Server ja auch nur ein Computer ist, gibt er angesichts der Flut an Anfragen irgendwann w.o. Die Folgen: Die Kunden erreichen den Dienst nicht mehr und sind verärgert, der Anbieter muss viel Zeit und Geld in Abwehrmaßnahmen stecken.

Würden Sie einen
Miele-Pkw kaufen?

Bevor Sie sich jetzt mit einem "Ja eh" wie die Besatzung des Raumschiffs Enterprise aus diesem Blog wegbeamen, beantworten Sie sich bitte selbst die Frage, ob Sie ungeschaut ein Auto der Marke Miele kaufen würden, oder einen BMW-Wäschetrockner, sollten diese Produkte demnächst auf dem Markt auftauchen. Ich antworte hier an Ihrer Stelle mit nein, denn welche Erfahrung hat Miele bitte im Autobau vorzuweisen?

Samsung ist wenigstens ein Mischkonzern und hat auch Smartphones und Tablets im Angebot. Bleibt zu hoffen, dass die dortige Haushaltsabteilung einen Smartphone-Kollegen zurate gezogen hat, denn wie viel Ahnung hat ein Haushaltsgeräte-Techniker von den Voraussetzungen des Internets? Was weiß er von verschlüssselter Übertragung und der Notwendigkeit regelmäßiger Sicherheitsupdates über die Lebensdauer der Geräte hinweg?

Und - ich erlaube mir eine Unterstellung: Ist er überhaupt daran interessiert, oder geht es sowieso nur darum, schnell und mit wenig Aufwand auf einen aktuellen Trend aufzuspringen? Sicher ist: Je billiger das Produkt, desto weniger lohnt der Aufwand.

Wo bleibt die Sicherheit in Küche und Wohnzimmer?

So ist es kein Wunder, dass an besagter DDoS-Attacke vernetzte Geräte wie Überwachungskameras, Heizungsthermostate oder eben Kühlschränke beteiligt waren. Computer sind durch Schutzsoftware, Firewall, aktuelle Updates und die Sensibilisierung der Nutzer mittlerweile relativ schwer zu knacken. Eine um 39,90 Euro bei Amazon gekaufte IP-Kamera zur Innenraumüberwachung ist dagegen im Handumdrehen gekapert, und mit ihr Tausende baugleiche Modelle mit denselben Zugangsdaten.

Warum sollen es sich die Hacker unnötig schwer machen? Noch dazu wo vielen Nutzern die Problematik nicht bewusst ist und sie nicht einmal die minimale Sicherheitsvorkehrung treffen, sprich: im Zuge der Installation das Passwort ändern.

Ein Teil der Verantwortung
liegt bei uns!

Wir müssen uns also auch alle selbst an der Nase nehmen und andererseits bei den Anbietern sicherere Lösungen einfordern. Es geht nicht nur darum, dass wir vorübergehend nicht an unsere Lieblingsserien herankommen, weil der Anbieter gerade blockiert ist. In Finnland wurde die Steuerung der Heizungsanlage zweier Wohnblocks via Internet lahmgelegt - möglicherweise irrtümlich, aber man sieht daran, worauf wir uns gefasst machen dürfen.

Noch steht das Internet der Dinge am Anfang. Aber schon hängen neben Haushaltsgeräten auch die ersten privaten Heizungen, die Beleuchtung oder die Alarmanlage im Netz. Ein Trend zu mehr Bequemlichkeit und mehr subjektiver Sicherheit, der nach hinten losgehen kann.

Ohne den Teufel an die Wand malen zu wollen: Aber wenn die ersten Erpressungstrojaner die Hausbewohner bei minus fünf Grad Außentemperatur frösteln lassen oder die Einbrecher per Computer einen Blick in die Wohnung werfen, ob der Zeitpunkt für einen Besuch günstig ist, dann werden wir uns möglicherweise in die guten alten Zeiten zurücksehen, als wir planlos im Supermarkt umherirrten, Unnötiges einkauften und zugleich Wichtiges vergaßen.

Cool ist er trotzdem, der Kühlschrank von Samsung - innen genauso wie außen wink

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