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Mikroplastik in Kosmetika

Das ideale Feindbild

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Mikroplastik (Bild: KYTan/Shutterstock.com)

Mikroplastik ist ein komplexes Thema, das aktuell sehr emotional diskutiert wird. Dass Kosmetika dabei nur eine untergeordnete Rolle spielen, geht im Moment eher unter. Mit diesem Blogbeitrag möchte ich daher Begriffe wie festes und flüssiges Mikroplastik erklären, wofür es verwendet wird und wie Kosmetika ins Gesamtbild der Plastik-Diskussion einzuordnen sind.

Warum gibt es so viel Plastik?

Mikroplastik ist den meisten Konsumenten als Umweltverschmutzung in Meeren ein Begriff. Die Bilder von in Kunststoff-Netzen gefangenen Schildkröten und verwesten Vögeln, deren Mägen mit Plastikteilen gefüllt sind, kennt man. Solche Bilder machen das Problem sichtbar und verständlich. Doch wo kommt der ganze Müll her? Stephen Buranyi fasst die Problematik in seinem Artikel Das Plastik-Paradox treffend zusammen:

„Kunststoff ist überall – nicht weil er besser ist als die natürlichen Materialien, die er ersetzte, sondern weil er leichter und billiger ist. So viel billiger, dass es einfacher war, das Wegwerfen zu rechtfertigen. So wie Stahl die Grenzen im Bauwesen verschob, ermöglichte Kunststoff eine billige und simple Verbrauchskultur, die wir bis dato für selbstverständlich gehalten haben. Sich mit Plastik zu beschäftigen, bedeutet in gewisser Weise, sich mit dem Konsumverhalten selbst auseinanderzusetzen. Es erfordert, dass wir erkennen, wie radikal unser Lifestyle den Planeten in einer einzigen Generation verändert hat. Und wir müssen uns eingestehen, dass dieser Lebensstil vielleicht zu viel für ihn ist.“

Und auch meine Kollegin Julia Bali hat das Thema Mikroplastik im Juli 2018 in ihrem Blogbeitrag Mikroplastik - Vermeidung wird zur Selbstverteidigung  aufgegriffen und darauf hingewiesen, dass sich Mikroplastikpartikel bereits in vielen Bereichen unseres Alltags finden.

Die Zusammenhänge erkennen

Ein Punkt, der in dem Artikel angesprochen wird, ist ganz wesentlich: Man muss beginnen, die Zusammenhänge zu sehen. Kunststoff in der Umwelt ist ein Problem. Kunststoffpartikel in Kosmetika sind unnötig. Der Zusammenhang: Sie machen nur einen verschwindend geringen Teil des Mikroplastiks in der Umwelt aus. Studien zeigen dass es maximal 2 % sind. Nicht ganz 30 % kommen von Reifenabrieb und mehr als 1/3 des Mikroplastiks im Meer sind Fasern, die sich beim Waschen aus synthetischen Textilien lösen. Die Lösungen für diese Probleme liegen auf der Hand: weniger Autofahren, weniger synthetische Textilien produzieren. Warum ist dann Mikroplastik in Kosmetika ein in der Öffentlichkeit derart präsentes Thema? Eine Erklärung ist, dass dieser Weg des Eintrags von Kunststoff in die Umwelt tatsächlich der einzig „beabsichtigte“ Gebrauch der kleinen Plastikteilchen ist. Alle anderen sind ungewollte und teils von Menschen nicht einmal wahrgenommene Nebenerscheinungen. Wer denkt schon beim Autofahren daran, dass Fahrbahnmarkierungen sich abnutzen und mehr als 3 Mal so viel Mikroplastik im Meer verursachen wie Peeling-Partikel?

Mikroplastik in Kosmetika – das ideale Feindbild

Mikroplastik in den Weltemmeren (Bilder: Lemberg Vector studio,SofiaV,Kirill Mlayshev,jkcDesign,Francois Poirier,bioraven,Pensiri,Salim Nasirov/Shutterstock.com, Infografik: Caroline Müllner)

Mikroplastik in den Weltemmeren (Bilder: Lemberg Vector studio,SofiaV,Kirill Mlayshev,jkcDesign,Francois Poirier,bioraven,Pensiri,Salim Nasirov/Shutterstock.com, Infografik: Caroline Müllner)

Mikroplastik in Kosmetika ist als Thema leicht fassbar – und somit ein ideales Feindbild. Die Möglichkeit, Mikroplastik einfach zu vermeiden, in dem man Produkte mit natürlichen Peeling-Partikeln kauft (also einfach nur ein Produkt gegen ein anderes, gleichwertiges tauscht), erlaubt es Konsumenten, einen einfachen kleinen Beitrag zur Verbesserung der Welt zu leisten. Das gibt ein gutes Gefühl und wird somit gern gemacht. Ganz anders sieht es aus, wenn man Konsumenten auffordert, aufs Auto zu verzichten. Der Beitrag zum Umweltschutz wäre hier ungleich größer. Aber auch das „Opfer“, das gebracht werden muss, wäre viel größer – und somit sinkt unsere Bereitschaft, auf die Öffis umzusteigen oder gar zu Fuß zu gehen.

Welche Arten von Mikroplastik gibt es in Kosmetika

Nicht nur die Umwelt kommt in Kontakt mit Mikroplastik. Durch die Verwendung von Kosmetika werden auch wir Menschen selbst zur Kontaktzone. Daher möchte ich in Erinnerung rufen, dass kosmetische Mittel weit mehr sind als nur Lippenstift und Lidschatten: Auch Duschgel, Sonnencreme und Zahnpasta zählen zu dieser Produktgruppe. Es gibt also wohl keinen Menschen, der nicht das eine oder andere kosmetische Mittel verwendet.

Mikroplastik wird je nach Größe, Herkunft oder Kunststoff-Art in verschiedene Gruppen eingeteilt. Bei kosmetischen Mitteln spricht man meist von festem Mikroplastik und flüssigem Mikroplastik.

Festes Mikroplastik

Darunter versteht man kleinste feste Teilchen. Für Kosmetika relevant sind Teilchen mit einem Durchmesser, der nicht größer als 1-2 mm ist. Hauptsächlich findet man diese festen Partikel als „Schleifkörnchen“ in Peelings oder Zahnapasten sowie ganz flach als Glitzerplättchen in Nagellack. Es eignet sich eine Vielzahl an Kunststoffen für diese Zwecke. Häufig eingesetzt werden Polymere wie Polyethylen (PE), Polyacrylat (PA), Polymethylmethacrylat (PMMA) oder Polyethylenterephthalat (PET - ja genau, das von den Wasserflaschen!). Diese Partikel sind oftmals schon beim ersten Betrachten eines Produkts leicht zu sehen. Aber nicht alle sichtbaren Stückchen bestehen aus Kunststoff. Es geht auch anders. Da diese Art von Mikroplastik absichtlich so klein produziert wird, um seine Funktion im fertigen Produkt zu erfüllen, spricht man auch von primärem Mikroplastik. (Als sekundäres Mikroplastik hingegen bezeichnet man jene Partikel, die aus ursprünglich größeren Kunststoffteilen aus unterschiedlichsten Gründen wie zum Beispiel Abrieb oder Zersetzung durch Witterungseinflüsse entstehen.)

Da Peeling-Partikel immer vom Körper abgewaschen werden, landen sie im Abwasser - und wenn sie in der Kläranlage nicht zurückgehalten werden, auch in unseren Gewässern. Das gleiche gilt für Zahnpasta. Herkömmlicher Nagellack wird mit einem Wattepad abgenommen und sollte korrekt mit dem Restmüll entsorgt werden.

Abgesehen von der Umweltthematik stellt sich für Konsumenten auch die Frage, was beim Hautkontakt mit Mikroplastik passiert. Die AGES meint zum Thema Zahnpasta mit Mikroplastik verschlucken: „Auch durch versehentliches Verschlucken von Zahnpasta können diese Partikel aufgrund ihrer Größe nur in äußerst geringen Mengen über den Magen-Darm-Trakt aufgenommen werden, während der Großteil wieder über den Stuhl ausgeschieden wird.“ Eine akute Gefahr geht von Mikroplastik in Kosmetika definitiv nicht aus.

Durch die Vielzahl an Tests, die der VKI bei Kunststoffgegenständen schon durchgeführt hat, wissen wir aber, dass Kunststoffe eine Vielzahl an schädlichen Substanzen abgeben können. Weichmacher und Schwermetalle sind nur zwei weithin bekannte Stoffgruppen, die immer wieder gefunden werden. Ohne genaue Kenntnisse der Zusammensetzung von Mikroplastik in Kosmetika wäre es daher sinnvoll, das Vorsorgeprinzip walten zu lassen und auf diese Stoffe einfach zu verzichten.

Auch einige Hersteller haben schon umgedacht und verzichten freiwillig auf die Zugabe von Mikroplastik. Produkte, die das EU-Ecolabel oder das Österreichische Umweltzeichen tragen, sind garantiert frei davon. Naturkosmetika, die ein vertrauenswürdiges Label wie jene von Cosmos, BDIH oder Ecocert tragen, auch.

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Mikroplastikfreie Label: EU Ecolabel, österreichisches Umweltzeichen, Cosmos, BDIH, Ecocert (Bild: Montage VKI)

Flüssiges Mikroplastik

Eigentlich ist der Begriff ein Widerspruch in sich. Wie kann etwas kleines Festes gleichzeitig flüssig sein? Kann es nicht, und genau darin besteht die Schwierigkeit dieser seit Kurzem in der Öffentlichkeit oft genannten Stoffgruppe. Manche Interessenvertretungen zählen künstlich hergestellte Polymere generell zur Mikroplastik, auch wenn diese nicht fest sind. Solche Polymere sind teilweise sogar gut wasserlöslich (wie zum Beispiel in Haargel - im KONSUMENT 11/18 haben wir darauf hingewiesen). Diese synthetischen Stoffe haben eine gelartige, viskose Konsistenz und werden daher als Verdickungsmittel in einer Vielzahl von Kosmetika eingesetzt. In getrocknetem Zustand werden einige von ihnen fest. Jede Creme, jedes Gel könnte diese Stoffe enthalten. Leicht erkennbar sind diese Stoffe nicht. Um sie zu entdecken, muss man schon die INCI-(Inhaltstoff-)Liste studieren.

Eine komplette Liste dieser Art von Inhaltstoffen gibt es nicht; unter anderem, weil es keinen Konsens gibt, welche Stoffe nun tatsächlich „Plastik“ sind und welche nicht. Das macht auch eine Kennzeichnung solcher Stoffe in Tabellen zu VKI-Tests schwierig bis unmöglich.

Häufig verwendet wird Acrylates Copolymer, Acrylates Crosspolymer, Ethylene/Propylene/Styrene Copolymer, Polyamide-3, Polyvinyl-Alcohol, Triacontanyl PVP oder Polyquaternium.

Silikone

Silikone sind per Definition keine Kunststoffe, da sie aus anderen chemischen Bausteinen bestehen. Dennoch werden sie mitunter dem flüssigen Mikroplastik zugerechnet. Silikone finden sich oft unter dem Namen „Dimethicone“ auf INCI-(Inhaltstoff-)Listen. Negative Auswirkungen auf den Menschen sind noch wenig erforscht. Bekannt ist, dass eine Vielzahl dieser Stoffe biologisch schwer abbaubar ist. Das heißt, dass sie sich in der Umwelt ansammeln, mit bis dato nur wenig erforschten Folgen. Auch hier kann man das Vorsorgeprinzip anwenden: Kosmetika, aber auch Wasch- und Putzmittel sollten so wenig wie möglich von diesen Stoffen enthalten.

Welche Arten von Mikroplastik gibt es in Wasch- und Reinigungsmitteln

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Achte auf das Ecolabel und das österreichische Umweltzeichen, wenn du garantiert mikroplastikfreie Waschmittel haben möchtest. (Bild: Montage VKI, CWA Studios/Shutterstock.com)

Viele Anfragen von Konsumentinnen und Konsumenten, die sich an den VKI wenden, betreffen nicht Kosmetika, sondern Wasch- und Reinigungsmittel. Diese unterliegen einer anderen Deklarationspflicht als Kosmetika, nämlich jener aus der VO (EU) Nr. 648/2004. Diese Verordnung sieht keine Deklaration aller Inhaltstoffe vor, so wie wir es von Kosmetika gewöhnt sind, sondern listet eine Reihe möglicher Inhaltstoffe auf, die deklariert werden müssen. Kunststoffe müssen nicht auf der Verpackung gelistet werden, egal ob fest oder flüssig. Somit ist es ohne chemische Analyse der Produkte nicht möglich zu sagen, ob sie Mikroplastik enthalten oder nicht. Aus einer Untersuchung von Global 2000 wissen wir, dass der Großteil der eingesetzten Kunststoffe wasserlösliche synthetische Polymere sind; aber auch echtes festes Mikroplastik wird als Trübungsmittel eingesetzt. Diese Stoffe haben keine Funktion im Waschmittel, sie verändern lediglich das Aussehen des Produkts. Ein Verzicht der Hersteller, solche Stoffe einzusetzen, wäre also ohne Qualitätseinbußen für Konsumenten durchaus möglich.

Konsumenten, die umweltbewusst waschen wollen, können Produkte mit dem EU-Ecolabel oder dem Österreichischen Umweltzeichen kaufen. Bei diesen kann man sicher sein, dass die biologische Abbaubarkeit des Produkts geprüft wurde. Auch die Waschleistung wird bei diesen Produkten getestet und muss den öffentlich einsehbaren Kriterien entsprechen.

Ein kleines Rädchen

Zusammengefasst kann man sagen: Mikroplastik in Kosmetika ist nicht das große Problem unserer Zeit. Es ist ein kleines Rädchen in einem riesen Uhrwerk, das einfach zu erreichen und zu verstellen ist. Und weil ich aus meiner täglichen Arbeit weiß, dass immer mehr Menschen an diesem Rädchen drehen wollen, habe ich diesen Blogbeitrag verfasst.

Zusätzlich hat die Untersuchungsabteilung des VKI 12 Produkte eingekauft, bei denen der Verdacht nahelag, dass sie Mikroplastik enthalten. Anhand der Deklaration wurde überprüft, ob dem wirklich so ist. Alles Infos gibt es hier: Mikroplastik 10/2019.

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Gruppenfoto der untersuchten Kosmetika (Bild: VKI)

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