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Panikstörung

Die Angst vor der Angst

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Der Verlauf einer Panikattacke (Bild: VKI)

Ich (weiblich, 29) leide unter Panikattacken. Dieser Erfahrungsbericht soll betroffenen Personen und deren Angehörigen Mut machen.

Das Wichtigste zu Beginn: Niemals aufgeben!

So gut wie jeder Mensch erleidet im Laufe seines Lebens eine Panikattacke. Sei es vor einer Prüfung, in einer gefährlichen Situation oder inmitten einer Menschenmenge. Wiederholen sich diese panischen Zustände und hat man sie womöglich sogar mehrmals täglich, spricht man von einer Panik- oder Angststörung.

Ich bin eine Betroffene. Seit einem halben Jahr habe ich akute Panikattacken und versuche, damit zu leben. Es ist nicht immer einfach, dennoch kann ich Betroffenen raten: Kämpft für die Gesundheit, auch wenn ihr – wie ich – gar nicht wisst, was die Attacken auslöst. Spielt die Erkrankung nicht herunter oder versucht, in Eigenregie die Attacken loszuwerden! Sucht euch rechtzeitig Hilfe, denn alleine kann man eine psychische Krankheit nicht besiegen. Wie denn auch? Von alleine ist diese doch auch nicht gekommen. Oder?

Die Diagnose hat gedauert

Meine psychische Erkrankung kam nicht von heute auf morgen. Sondern hat sich langsam in meinen Alltag eingeschlichen. Ganze 5 Jahre lang – vermutlich sogar länger. Aber seit dieser Zeit habe ich Symptome. Übelkeit, Schwindel, Verdauungsprobleme, ständige Müdigkeit, daraus resultierende schlechte Laune, Desinteresse und Zurückgezogenheit. Allen möglichen ärztlichen Untersuchungen habe ich mich unterzogen, denn ich ging davon aus, dass es eine eindeutig diagnostizierbare körperliche Ursache dafür gibt. Sogar ein 1-wöchiger Krankenhausaufenthalt toppte meine Krankengeschichte. Das Feedback: Meine Werte sind im normalen Bereich, ich bin gesund! Aber niemals fühlte ich mich danach und kein einziges Mal wurde mir empfohlen, in meiner Psyche die Ursache zu erforschen. Das werfe ich all meinen Ärzten übrigens vor!

Schließlich ging ich auf Anraten meiner Familie zu einer Psychologin und schilderte meine Leiden. In dieser Phase war ich verzweifelt. Oft lag ich nachts wach, konnte nicht einschlafen, hatte Herzrasen, zitterte am ganzen Körper, konnte nicht schlucken und lag einfach nur da und wartete, bis mich die Müdigkeit besiegte und ich schließlich einschlief. Dann fing es an, dass es mir nicht nur nachts so erging, sondern auch tagsüber in den öffentlichen Verkehrsmitteln oder sogar direkt im Büro. Völlig aus dem Nichts bekam ich diese Zustände. Für die Psychologin war schnell klar: Ich leide unter einer Panikstörung. Und diese drückt sich mit Panikattacken aus.

Der Umgang mit Panikattacken

Wenn ich eine Panikattacke habe, kann ich das mittlerweile schon einige Minuten vorher erkennen. Ich merke, wie sie sich anbahnt und kann noch darauf reagieren. Dann kommt es von einer Sekunde auf die andere: Zuerst macht es oben beim Hals zu und es fällt mir schwer zu schlucken. Gleichzeitig wird mir unglaublich schlecht, so als müsste ich mich jederzeit übergeben. Herzrasen setzt ein und ich denke, ich kippe gleich um. Manchmal ist mir gleichzeitig auch noch schwindelig und ich fühle mich unendlich kraftlos.

Hinsetzen oder hinlegen hilft hier in keinem Fall! Im Gegenteil, das macht es noch schlimmer. Mich zu bewegen, herumzugehen und „bewusst zu atmen“ lindert die Symptome. Dieser Zustand dauert zwischen 30 Minuten und 2 Stunden und kann mehrmals am Tag auftreten. Wie lange es dauert und wann die Attacken kommen, weiß ich vorher nie. Allerdings gehen sie immer wieder vorbei. Und darauf baue ich!

Die Angst vor der Angst

Einen konkreten Auslöser für meine Panikattacken gibt es meist nicht. Manchmal ist es die jeweilige Situation, z.B. wenn ich in der U-Bahn bin, „nicht aus kann“ und in der Mitte einer Menschenmasse eingepfercht stehe. Oder wenn ich einen Termin wahrnehmen muss und zu einer bestimmten Zeit „bereit“ sein muss, dann kann es sein, dass ich vorher panisch bin. Oft tritt es total unvorhergesehen ein, beim schlichten Arbeiten im Büro oder abends beim Lesen. Also in einem Rahmen, wo ich mich sicher und geborgen fühle und in einer angenehmen Atmosphäre bin.

Wenn ich mal keine Panikattacke habe, kommt es vor, dass ich trotzdem daran denken muss. „Bald werde ich wieder eine haben und dann geht es mir wieder schlecht.“ Ich habe also eine Angst vor der Angst entwickelt. Und dabei weiß ich noch nicht einmal, warum es zu den Panikattacken kommt, denn ich habe keine Ahnung, wovor ich mich fürchte.

Die Behandlung ist langwierig

Lange Zeit – noch bevor ich wusste, dass ich unter einer Panikstörung leide – habe ich gedacht, ich bekomme das alleine hin. Ich werde alleine wieder gesund. Denn eigentlich habe ich ja „gar nichts“. Meinem Körper geht es blendend. Nur in meinem Kopf ist irgendetwas, das es nicht zulässt, dass ich mich auch so fühle.

Phase 1: Psychotherapie

Der erste Schritt war, mir Unterstützung von einer Psychologin zu suchen und über alles mit ihr zu sprechen. Meine Vergangenheit, meine aktuelle Situation und meine zukünftigen Pläne. Diese Sitzungen sind sehr wichtig, um den Grund der Panikattacken herauszufinden. Ich bin aktuell noch mittendrin, weiß den Auslöser für meine Attacken also bislang nicht.

Phase 2: Auszeit nehmen

Da die Symptome zu Beginn meiner psychologischen Behandlung sehr einschränkend waren, habe ich nach einigen Sitzungen den Vorschlag angenommen, ein paar Wochen in den Krankenstand zu gehen und Abstand von meinem Alltag zu bekommen. Von meiner Arbeitsstelle bekam ich zum Glück volle Unterstützung. Ich dachte anfangs, es wird mir reichen, einfach 3 Wochen zu Hause zu sein und „nichts“ zu tun – bis auf die Termine mit meiner Therapeutin. Das war ein Irrtum. Im Gegenteil, die Symptome verstärkten sich in dieser Zeit und wurden noch extremer. Schließlich sahen meine Psychologin und ich keinen Ausweg mehr und ich konsultierte auf ihr Anraten eine Psychiaterin. Das war bislang die schwerste Entscheidung meines Lebens: Die Hilfe von Psychopharmaka in Anspruch zu nehmen und mich bewusst dafür zu entscheiden. Ich nehme sehr ungern Medikamente, versuche meist die Leiden (Kopfweh, Schnupfen, ...) ohne sie auszustehen. Aber in dieser Situation sah ich keinen Ausweg mehr.

Phase 3: Psychopharmaka

Die darauffolgenden Wochen waren die Hölle. Alle Symptome verstärkten sich nochmal drastisch. Das wurde mir jedoch für die ersten 2-3 Wochen der Eingewöhnungsphase prophezeit. Die Nebenwirkungen sollten sich sukzessive in dieser Zeit in Luft auflösen. Zusätzlich zu den üblichen Symptomen konnte ich auf einmal fast keine Nahrung mehr zu mir nehmen und ich verlor in kürzester Zeit 10 Kilo. Entsprechend kraftlos war ich. Es gab Momente, da waren sogar Tätigkeiten wie Lesen oder Fernschauen zu viel für mich. Und so saß ich einfach nur da und schaute in die Luft. Jede Tätigkeit war anstrengend – zu anstrengend. Mir blieb nichts anderes mehr übrig, als mich zu Hause einzubunkern. Ich konnte vieles gar nicht mehr alleine machen – einkaufen gehen, zum Arzt, kochen, putzen, ....

Die Zeit wurde zu meinem Feind! Alleine zu sein und nicht zu wissen, was man machen „kann“, „will“ oder „in der Lage ist“. In dieser Phase kommt man viel zum Nachdenken.

  • Was hat die Panikattacken ausgelöst?
  • Bin ich in meiner Beziehung glücklich? Ist mein Partner glücklich mit mir? Kann er das überhaupt momentan sein? Ist es besser, ihn ziehen zu lassen – um seinetwillen?
  • Will ich Kinder? Schaffe ich es überhaupt, ein Kind großzuziehen? Was, wenn ich eine Panikattacke habe und mit dem Kind alleine bin?
  • Verstehen meine Eltern und meine Freunde meine Erkrankung?
  • Habe ich den richtigen Job? Was denken meine Arbeitskollegen? Hoffentlich verliere ich meine Stelle nicht.
  • Was soll ich nur tun? Wie geht es weiter?

Mein Fazit: Nicht zu viel nachdenken! Wichtige Entscheidungen nicht während einer Attacke fällen.

Das war mit Abstand die schlimmste Zeit in meinem Leben! Die Nebenwirkungen beeinträchtigten mich zu sehr und machten mich fast depressiv. Nach 3 Wochen war klar, dass mir das verschriebene Medikament nicht hilft, sondern alles noch verschlimmert. Also bekam ich ein anderes Medikament. Dieses brachte gleich am ersten Tag der Einnahme meinen Appetit zurück, was dringend nötig war. Die nächsten Tage/Wochen ging es zunehmend aufwärts, bis ich schließlich wusste: „Dieses Medikament hilft mir wirklich!“ Die Panikattacken verschwanden langsam wieder. Nach 5 Wochen fühlte ich mich sogar bereit, meinen Alltag wiederaufzunehmen. Ich kam langsam, gemächlich und nicht gleich wieder Vollzeit in das Berufsleben zurück. Nach 2 Wochen kamen leider auch die Panikattacken wieder – jedoch in stark abgeschwächter, ertragbarer Form. Wieder Krankenstand war aber keine Option für mich!

Phase 4: Mit Panikattacken leben

Und so versuche ich nun, mit meinen Panikattacken zu leben. Manchmal kann ich sie übergehen und nach ein paar Minuten wieder loswerden. Gelegentlich dauern sie länger und ich muss mich zurückziehen und klein beigeben. Ein Leben, das nicht ideal ist, aber möglich – bis meine Psychotherapie Erfolg zeigt! Jetzt heißt’s dran bleiben.

Das Umfeld – wie kann man helfen?

Die vermutlich wichtigste Komponente in jeder schlechten Phase von uns Menschen ist das Umfeld, in welchem man lebt. Ist es verständnisvoll oder abweisend? Freunde, Familie, Partner, Beruf – stehen sie hinter dir oder verströmen sie Druck und Zweifel? Ich kann allen betroffenen Erkrankten nur wünschen, dass ihr Umfeld sie genauso unterstützt, wie in meinem Fall. Denn wäre das nicht so, könnte ich mir nicht vorstellen, um wie viel schlimmer die Situation wäre.

Vielleicht ist es sogar noch härter für das Umfeld, als für den Leidenden selbst. Denn in den meisten Fällen kann man bei einer Panikattacke nicht helfen. Nicht unmittelbar zumindest. Die pure Anwesenheit ist oftmals schon genug, zumindest ist das bei mir so.

Ich kann jedem bei einer Panikattacke Anwesenden raten: Macht der Person Mut. Lasst ihr aber genug Abstand und sprecht sie nicht auf ihr Befinden an, wenn sie das nicht will. Seid einfach nur da, wartet und steht die Attacke mit ihr durch. Verzweifelt nicht, denn das tut die psychisch erkrankte Person selbst zur Genüge. Hört niemals auf, Hoffnung weiterzugeben!

Was (mir) bei Panikattacken hilft

Bei der Attacke selbst:

Bewegung! Sei es nur das Wippen mit dem Fuß oder das Bewegen der Finger, wenn man in einer Situation ist, wo man nicht aus kann. Ansonsten ist es herumgehen, der Situation (z.B. Räumen mit vielen Menschen) entfliehen und richtige Atemübungen machen. Schließlich heilt die Zeit alle Wunden – denn alle Attacken gehen wieder vorbei. Und daran solltet ihr immer denken, „gleich ist es überstanden“.

Als Therapie:

Eine psychologische Behandlung ist unabdingbar. Einzel- oder Gruppensitzungen mit einem Psychotherapeuten helfen. In sehr extremen Fällen der Erkrankung kann auch die Hilfe einer Medikation durch einen Psychiater schnell Erfolge zeigen. Psychopharmaka alleine heilen aber keine Erkrankung, sie bekämpfen nur die Symptome. Und keine Sorge, sie können nach einer gewissen Zeit, in der man sich gut fühlt, wieder abgesetzt werden. Also seid hier nicht von Anfang an total skeptisch – so wie ich es war.

Zudem solltet ihr auch über eure Freizeitgestaltung nachdenken und vielleicht Neues ausprobieren. Um Stress entgegenzuwirken habe ich z.B. die Meditation für mich entdeckt. Dazu nutze ich eine App. Die einzelnen Meditationseinheiten dauern nur ca. 10 min. Dafür finde ich beinahe jeden Tag Zeit – wenn ich Lust habe. Ähnlich dem Meditieren ist die progressive Muskelentspannung nach Jacobson. Sie hilft ebenfalls in stressigen Phasen, macht mir persönlich aber weniger Spaß.

Zudem kann ich bei Tätigkeiten, die nichts Digitales involvieren (malen, lesen, Puzzle bauen, Sport, ...) gut abschalten. Natürlich ist auch Serien/Filme schauen, oder Playstation & Co. spielen entspannend, aber manchmal verschlimmert es auch meinen Zustand und löst Panikattacken aus.

Ein paar abschließende Worte habe ich noch für ...

... Personen mit Panikstörung

Im Falle einer Attacke, denk an diese Worte: „Es geht wieder vorbei! Du fühlst dich wieder besser.“ Kämpfe weiter und werde wieder gesund. Für dich selbst und auch für die Menschen in deiner Umgebung. Das Leben ist zu schön und mit zu vielen Möglichkeiten gespickt, als dass du schon aufgeben kannst. Egal, wie sehr du leidest und wie alt du bist. Ich glaube an dich, so wie ich auch an mich glaube! Wir schaffen das! Wir besiegen die Angst! smiley

... Personen, die Betroffene mit Panikstörung kennen

Zeigt deutlich und sichtbar euer Verständnis und seid einfach nur da. Hört niemals auf, die erkrankte Person zu unterstützen und ihr Mut zu machen. Denn ihr seid vielleicht genau der Mensch, der für Halt sorgt und Hoffnung schenkt.

 

Danke an das VKI-Blog-Team für die Möglichkeit, diesen Beitrag zu veröffentlichen.

Eure Jane Doe


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Inhaltsverzeichnis vom KONSUMENT-Buch "Phänomen Angst" (Bild: VKI)

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