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Sorry, das waren NICHT die Hormone

Körperfremde Stoffe können das Hormonsystem von Mensch und Tier beeinflussen – leider oft mit negativen Folgen.

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Baby-Utensilien (Foto: Shutterstock)

Bevor mein Sohn auf die Welt kam, habe ich mich mit Schadstoffen in Babyartikeln beschäftigt – das ist ja praktisch eine „Berufskrankheit“ von mir. Schon damals, vor über 16 Jahren, war bekannt, dass Bisphenol A (BPA) aus Babyflaschen in die Milch gelangen kann. Und dass dieser Stoff östrogenähnlich wirkt. BPA ist in Babyflaschen, Beißringen und Schnullern seit 2011 verboten, und seit Anfang 2020 für Thermopapier von Kassabons. 

Bisphenol A und viele weitere Chemikalien, die ähnlich wie Hormone wirken, begegnen uns heutzutage noch in verschiedensten Konsumprodukten. Gesetzliche Maßnahmen dagegen sind längst überfällig.

Hormonell schädigende Chemikalien verursachen globale Probleme

Hormonell wirksame Chemikalien sind körperfremde Stoffe, die aufgrund einer zufälligen strukturellen Ähnlichkeit mit körpereigenen Hormonen deren Wirkung imitieren, verstärken oder blockieren. Ist ein schädlicher Einfluss nachgewiesen, spricht man von hormonell schädigenden bzw. schädlichen Chemikalien. Im Englischen heißen sie „endocrine active“ bzw. „endocrine disrupting chemicals“ (EDCs oder EDs "endocrine disruptors"). Sie sind meist nicht akut giftig, können jedoch wichtige Entwicklungsprozesse stören. Daher reagieren auch Föten im Mutterleib, Kleinkinder und Pubertierende besonders empfindlich auf hormonell schädliche Chemikalien. Eine Besonderheit dieser Chemikalien ist, dass sie -  so wie echte Hormone – bereits in sehr kleinen Konzentrationen wirken.

Schon seit über 50 Jahren beobachten Wissenschaftler Anomalien der Geschlechtsorgane von verschiedensten Tierarten, die auf hormonschädigende Chemikalien zurückzuführen sind. Eine gute Zusammenfassung findet man in einem Artikel der Zeitschrift Spektrum.

Beim Menschen werden diese Chemikalien mit der weltweiten Zunahme von folgenden gesundheitlichen Problemen und Krankheiten in Verbindung gebracht:

  • Brust-, Schilddrüsen- und Prostatakrebs
  • Fortpflanzungsstörungen
  • Entwicklungsstörungen im Mutterleib, bei Kindern und Jugendlichen
  • Übergewicht
  • Diabetes
  • Herz-Kreislauferkrankungen und
  • Neuronale und kognitive Störungen wie ADHS

Dazu hat die WHO im Jahr 2013 einen umfangreichen Report veröffentlicht (Kurzfassung).

 

Unser täglicher Hormon-Cocktail

  • BPA oder seine Ersatzstoffe, die häufig nicht weniger schädlich sind, können noch in der Innenbeschichtung von Konservendosen und Lebensmittelverpackungen vorkommen. Im Konsument berichteten wir immer wieder darüber.
  • Auch einige Phthalate zählen zu den EDCs. Sie werden als Weichmacher in Kunststoffen, insbesondere in PVC eingesetzt und können sich unter anderem in Klebstoffen, Elektronikartikeln, Baumaterialien und Kosmetika finden – nachzulesen auch im Konsument.
  • Im Dezember 2020 hat die „Endocrine Society“ einen alarmierenden Report zu hormonell schädlichen Chemikalien in Kunststoffen veröffentlicht, in dem vor 7 Chemikaliengruppen gewarnt wird, die als Additive verwendet werden. Auch aufgrund des massiven Wachstums der Kunststoffproduktion – global wird ca. eine Verdreifachung bis ins Jahr 2050 erwartet –  sind hier Maßnahmen zu Beschränkung und Verbot von hormonell schädlichen Chemikalien dringend erforderlich.
  • Auch Kosmetika können hormonell schädigende Substanzen enthalten sein, etwa Parabene als Konservierungsstoffe und organischen UV-Filter in Sonnencremen. Eine vollständige Liste von potentiellen EDCs ist hier zu finden.
  • Auch viele Wirkstoffe in Schädlingsbekämpfungsmitteln gehören zu dieser Gruppe. Das gilt etwa für das bereits lange verbotene DDT. Andere hormonschädliche Pestizide werden noch heute in der konventionellen Landwirtschaft eingesetzt. PAN Germany hat dazu 2013 eine Studie über deren Auswirkungen auf Landarbeiter veröffentlicht.

Im Konsument haben wir dazu im Februar 2020 eine Grafik veröffentlicht.

Im Bereich der Chemikalien, Kosmetika, Pflanzenschutzmittel und Biozidprodukte (wie z.B. Desinfektionsmittel) gelten EU-weit einheitliche Gesetze. Daher wäre die EU dafür zuständig, gesetzliche Maßnahmen gegen hormonell schädliche Stoffen einzuführen. Warum da bis heute nicht viel passiert ist, ist hier nachzulesen.

 

Wie man sich schützen kann

Bei Lebensmitteln

  • Bisphenol-A kann aus dem Kunststoff Polycarbonat herausgelöst werden. Meiden Sie daher Behälter aus Kunststoff mit der Bezeichnung PC bzw. dem Recycling-Code 07.
    Eine Ausnahme sind Baby-Trinkflaschen. Sie dürfen seit 2011 kein Bisphenol-A mehr enthalten, sind also in dieser Hinsicht sicher. Manchmal ist auch für andere Behälter angegeben, dass sie Bisphenol-A- oder BPA-frei sind. Allerdings werden als Ersatzstoffe häufig andere Chemikalien verwendet, die genauso schädlich sind oder zumindest sein könnten.
  • Daher: Benutzen Sie Lebensmittel- und Trinkbehälter aus Glas, Porzellan, Edelstahl, Polyethylen PE oder Polypropylen PP. Mehrweg-Trinkwasserflaschen wurden im Frühjahr 2020 von uns getestet.
  • Verzichten Sie auf Lebensmittel aus Konserven- und Getränke in Aludosen. Die Innenbeschichtung kann Bisphenol A und andere EDCs enthalten. Insbesondere fetthaltige Produkte können BPA aus der Beschichtung herauslösen.
  • Erhitzen Sie keine Lebensmittel in Kunststoffbehältern, auch nicht in der Mikrowelle. Laut Ökotest warnten auch US-amerikanische Ärzte im Jahr 2018 davor, Lebensmittel für Kinder in Plastikgefäßen zu erwärmen.
  • Am besten sind frische, nach Möglichkeit unverpackte und regionale Lebensmittel.
  • Um Pestizidrückstände möglichst zu vermeiden, kann man zu Biolebensmitteln greifen.

Bei Kosmetika

  • Worauf Sie bei den Inhaltsstoffangaben achten können, finden Sie unter www.vki.at/hormoninfo
  • Verwenden Sie Naturkosmetika, diese enthalten keine potentiell hormonschädlichen Chemikalien.
  • Weniger ist Mehr! Benutzen Sie Baby- und Kinderpflegeprodukte nur, wenn es wirklich nötig ist.

Bei Textilien

  • Outdoor-Bekleidung kann (noch immer) perfluorierte Chemikalien enthalten. Diese wirken teilweise hormonell schädigend und waren Ursache für den "Der Teflon-Skandal" im Jahr 1998.
  • Verzichten Sie auf Kinderbekleidung, die PVC-Teile bzw. PVC-Beschichtung enthält. Gummistiefel, Kunststoff-Clogs oder Badesandalen gibt es auch aus PVC-freien Materialien wie dem Ethylvinylacetat (EVA). Fragen Sie nach!
  • Neue Textilien sollten generell vor dem ersten Tragen gewaschen werden.
  • Das Label Öko-Tex Standard 100 betrachtet hauptsächlich die Chemikalien in den Textilien und schließt hormonell schädliche Stoffe aus.
  • Sehr gute Alternativen sind Öko-Textilien – hier wird neben den erlaubten zugesetzten Chemikalien auch Anbau und Produktion strengen Kriterien unterworfen. Dabei kann man sich an einer Zertifizierung mit GOTS orientieren.

Bei Spielzeug

  • Riechen Sie vor dem Kauf an Spielsachen! Lassen Sie Spielzeug mit chemischem Geruch lieber stehen.
  • Geben Sie Ihrem Baby kein Spielzeug, das nicht für Kinder unter 3 Jahre freigegeben ist.
  • Waschen Sie alle Kuschelutensilien!
  • Im Konsument werden regelmäßig Spielzeugtests veröffentlich, bei denen auch auf Schadstoffe geprüft wird.
  • Bevorzugen Sie Stoffpuppen oder Kuscheltiere aus Naturtextilien.

Einige dieser Stoffe sind gemäß dem EU-Chemikaliengesetz als "besonders besorgniserregend" identifiziert worden. Daher können dazu Anfragen an die Hersteller von Erzeugnissen mit Hilfe der App Scan4Chem gestellt werden.

Allgemeines (und Spezielles) ist auch hier zu finden:

Österreichische Plattform Endokrine Stoffe

Österreichisches Umweltbundesamt

AGES - Österreichische Agentur für Ernährungssicherheit

The Endocrine Society 

The Lancet

u.v.a.

Eine Anmerkung zum Titel:  „Sorry, das waren die Hormone!“ von Ronny Tekal ist ein lesenswertes Bich über die körpereigenen Hormonen und ihren Einfluss auf unser Leben.

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