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Würmer, Heimchen und Heuschrecken

Proteinreiches Menü in 4 Gängen

Insekten essen

Insekten essen (Bild: wk1003mike/shutterstock)

Spätestens seit es Würmer, Heuschrecken und Heimchen in Supermärkten zu kaufen gibt, ist das Thema Insekten als Nahrungsmittel salonfähig geworden. Ich habe mir die Tierchen gekauft und gekostet…

Proteinquelle der Zukunft?

Das erste Mal habe ich Insekten vor 2 Jahren bei einem Festival probiert. Damals in einer Schokolade eingegossene Mehlwürmer sowie Heuschrecken-Paella. Die Überwindung war groß, aber eine Wette mit meinem Opa hat mich die Tiere tatsächlich kosten lassen. Und hat man sich einmal getraut, traut man sich auch ein weiteres Mal…

In einem österreichischen Großhandel gibt’s bereits seit Mai Grillen, Heuschrecken und Co. zu kaufen. Lieferant ist Snackinsects, ein deutsches Unternehmen. Dieses bietet zum Beispiel Insektenriegel, Insektenlutscher, Insekten-Schokolade, Insekten-Pasta, Insekten-Granola, Insekten-Mehl und Kochbücher zum Thema an. Seit Anfang Oktober haben auch ausgewählte Supermärkte vom Wiener Start-Up Zirp Insects die Tiere im Handel.

Mit „Entomophagie“ wird der Verzehr von Insekten bezeichnet. Weltweit wurden bisher ca. 2 000 Spezies von essbaren Insekten beschrieben. In Ländern wir beispielweise China ist das Verspeisen von Insekten nichts Neues oder Ekelhaftes. Es gehört zu deren Kultur. Aus verschiedenen Konsumentenbefragungen geht allerdings hervor, dass in westlich geprägten Kulturen Insekten eher mit Lebensmittelkontaminationen, Gesundheitsrisiken oder aber einer primitiven Ernährungsweise assoziiert werden. Hat man jedoch einmal positive Erfahrungen mit dem Verzehr von Insekten gemacht, so steigt die generelle Essbereitschaft von Insekten an, wie Wissenschaftler herausgefunden haben. Befragungen aus verschiedenen Ländern zeigen außerdem, dass Konsumenten eher bereit sind, verarbeitete Insek­tenprodukte zu verkosten, bei denen die „ekelerregenden“ optischen Reize nicht mehr vorhanden sind.

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Insekten Mix (Bild: A. Konstandinoudi/VKI)

Grundsätzlich findet man in den Supermärkten folgende Insekten:

 

  • Mehlwurm (Tenebrior molitor)
  • Kurzflügelgrille (Gryllodes sigillatus)
  • Heimchen (Acheta domesticus)
  • Buffalowurm (Alphitobius diaperinus)
  • Wanderheuschrecke (Locusta migratoria)

Wichtig: Beim Einkauf immer darauf achten, dass bei Insekten auch der lateinische Name angegeben ist. Die deutschsprachigen Bezeichnungen können durchaus variieren, sich überschneiden oder sogar irreführend sein.

 

Seit wann dürfen Insekten im Handel verkauft werden?

Seit dem 1. Jänner 2018 sorgt eine EU-Verordnung dafür, dass alle Insekten oder insektenhaltige Produkte, die als Lebensmittel in den Verkehr gebracht werden, vorab gesundheitlich bewertet und zugelassen werden müssen. Anträge auf Zulassung müssen bei der Europäischen Kommission eingereicht werden, bewerten tut die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA).

Alternativ kann in manchen Fällen auch ein neues Anzeigeverfahren für traditionelle Lebensmittel aus einem Drittstaat genutzt werden, wenn belegt werden kann, dass das Lebensmittel dort seit mindestens 25 Jahren verzehrt wurde und keine Sicherheitsbedenken auftraten.

Nährwerte

Insekten haben neben viel hochwertigem Protein einen hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren (vergleichbar mit Fisch). Die Vitamine B2 und B12 sind teilweise höher als in Vollkornbrot. Aber: verlässliche Daten oder Untersuchungen zu den Nährwerten gibt es kaum. Außerdem variieren die Nährwerte je nach Fütterung und Insektenart. Bei gefriergetrockneten Insekten ist der Anteil an Fett, Kohlenhydraten und Eiweiß deutlich höher, da Wasser entzogen wurde.

Hier die Nährwerte der von mir eingekauften Produkte:

Nährwerte Insekten

Nährwerte Insekten

(Produkte von ZIRP Insects; gefriergetrocknet)

Preis

Der Preis pro Packung beträgt € 7,99. Das entspricht folgenden Kilopreisen:

  • Wanderheuschrecken: € 999,-/kg
  • Heimchen: € 799,-/kg
  • Mehlwürmer: € 444.-/kg
  • Buffalo-Würmer: € 444,-/kg

Herstellung

Mehlwürmer

Mehlwürmer (Bild: K. Mittl-Jobst/VKI)

Bei den vorhin genannten stattlichen Preisen ist es wohl eine Überlegung wert, sich die Tiere selbst zu fangen oder aber im Zoo-Fachhandel zu kaufen….oder? Nein, meinen Experten, denn die selbstgefangenen Tiere wurden nicht unter hygienischen Bedingungen gezüchtet und können somit Keime und Parasiten enthalten.

Wie werden die Tiere also gezüchtet? Ein Insekt hat nur einen kurzen Lebenszyklus und ist in Hinsicht Futter und Platz relativ anspruchslos. Das macht die Haltung einfacher als bei Schweinen oder Rindern. Die Futtermittelqualität spielt also eine große Rolle (hygienische Verarbeitung, keine bedenklichen Pestizidrückstände). In Österreich gibt es dazu beispielsweise konkrete Vorgaben. Wie es in anderen Ländern aussieht, dazu weiß man zurzeit noch zu wenig.

Die Züchter in Europa weisen darauf hin, dass die Insekten bisher ohne den Einsatz von Antibiotika, Hormonen oder anderen Chemikalien gezüchtet werden, doch neutrale Kontrollergebnisse gibt es bislang nicht

In Österreich gibt es eine Leitlinie der Codexkommission, wie Insekten in den Verkehr gebracht werden sollen. Die gezüchteten Insekten werden durch Tieffrieren bei mindestens -18 °C oder tiefer getötet. Alternativ besteht bei bestimmten Arten auch die Möglichkeit der Abtötung in kochendem Wasser oder Dampf bei über 100 °C. Gezüchtete Insekten werden nur in Verkehr gebracht, wenn sie nach Tötung einer Hitzebehandlung oder Behandlung mit anderen Methoden z. B. Hochdruck-behandlung, unterzogen werden, die gewährleisten, dass vegetative Keime abgetötet werden. Man weiß wenig über das Schmerzempfinden der Tiere, doch die Methode des Einfrierens zum Töten kommt dem natürlichen Schicksal der Tiere recht nah (erfrieren in der Natur im Winter).

Um eine Verunreinigung mit Magen- und Darminhalten zu vermeiden, wird die Fütterung der Insekten ca. 24 Stunden vor dem Töten eingestellt. Dadurch soll garantiert werden, dass der Darm leer ist. Die Wahrscheinlichkeit für Zoonosen ist relativ gering, aber nicht auszuschließen, dafür weiß man noch zu wenig.

Pro und Contra

Pro Insekten als Lebensmittel

Für die Herstellung von tierischem Protein werden gewöhnlich viel landwirtschaftliche Fläche, Wasser und Energie verbraucht. Insekten sind also eine ressourcenschonende Alternative.

Die Umweltbilanz der Insektenproduktion wird als günstig angesehen, da sie als wechselwarme Tiere (haben keine konstante Körpertemperatur) weniger Energie als klassische Nutztiere benötigen. Ihre Futterverwertungseffizienz wird dadurch als höher und die Co2-Bilanz als günstiger eingeschätzt als bei der Fleischerzeugung mit warmblütigen Nutztieren. Auch unter ethischen und Tierschutzaspekten gelten Haltung und Verzehr von Insekten als weniger problematisch.

Je nach Spezies, ihrem Entwicklungsstadium und ihrer Ernährung, können Insekten eine Quelle für hochwertiges Eiweiß, Vitaminen und Mineralstoffen sein. Im Vergleich zu einigen Fleischprodukten haben sie zudem geringere Cholesterinkonzentrationen bei gleichzeitig günstigem Omega-3/Omega-6-Fettsäureverhältnis.

Insekten Umweltbilanz

Insekten Umweltbilanz (Bild: FAO-Edible insects Future prospects for food and feed security)

Quelle: FAO (Edible Insects - Future prospects for food and feed security)

Contra Insekten als Lebensmittel

Die Tiere sind in ihrer Nährstoffzusammensetzung sehr unterschiedlich, wie eine Untersuchung zeigt. Viele Insektenarten enthalten im Vergleich zum Fleisch von Rind, Schwein und Huhn mehr Energie, Natrium und gesättigte Fettsäuren. Das ist für uns Menschen in Industrieländern weniger vorteilhaft. Unser Problem ist eher Überernährung und nicht Unterernährung.

Nun ist es so, dass die Proteinversorgung hierzulande gut ist, und wir nicht noch mehr vor allem von tierischem Eiweiß zu uns nehmen sollten. Kritiker meinen, dass stattdessen mehr Eiweiß aus Hülsenfrüchten verzehrt werden sollte.

Bei Menschen mit Allergien gegen Hausstaubmilben oder Schalen- und Krustentiere könnte sich eine Kreuzallergie gegen Insekten entwickeln. Wer auf Garnelen allergisch reagiert, der reagiert auch häufig auf Mehlwürmer. Diese Allergien können durch Chitin oder das Muskelprotein Tropomyosin hervorgerufen werden. 

Zu bedenken ist auch, dass die Nährstoffe wegen dem enthaltenen Chitin nicht so gut aufgenommen werden können. Chitin ist ein Strukturbaustein und kommt unter anderem in Panzern von Insekten und Krebstieren vor. Es kann die Aufnahme von anderen Nährstoffen blockieren.

Mögliche toxikologisch Risiken und auch mikrobielle Risiken sind nicht außer Acht zu lassen. Insekten sind auf jeden Fall immer gut durcherhitzt zu verzehren.

Wie schmeckt’s?

Heimchen essen

Heimchen essen (Bild: Katrin Mittl-Jobst/VKI)

Ich habe mir die Tiere gekauft und gekostet. Mund auf, Augen zu und durch. Schmecken tun sie meiner Meinung nach sehr neutral, also nach nichts. Ich finde Sie auch nicht unangenehm beim Kauen. Nur die Flügel und Füßchen waren „gewöhnungsbedürftig“, vor allem bei den großen Wanderheuschrecken. Bei diesen wird laut Verpackung auch empfohlen, die Sprungbeine und Flügel vor dem Verzehr zu entfernen (oder sonst eben „gut zu kauen“).

Andere Verkoster meinen „crossy“ und „nussig“. Kollegin A. wollte erst Kosten, doch als ihr bei einer Nahaufnahme ein „trauriges Mehlwurmgesicht“ untergekommen ist, war ihr der Appetit vergangen. Kollegin B. hat munter drauf losgesnackt, während andere nur kopfschüttelnd das Gesicht verzogen haben. Kollegin N. hat trotz anfänglichem Zögern Buffalo-Würmer und Heimchen verkostet…..die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Kollege B. versuchte sich erst durch Konversation vor einem Insekten-Test zu drücken, hat dann aber doch beherzt zugegriffen und ein "Mhm" von sich gegeben. Zitate von Kollege C.: "danke mir ist schon schlecht".

In unserer Büroküche steht der berühmt-berüchtigte „grüne Tisch“, der eigentlich permanent mit diversen Lebensmitteln belagert wird. Eigentlich wird so gut wie alles, das auf dem Tisch liegt oder lag, gegessen. Ich habe einen Teil der Insekten auf diesen Tisch neben Keksen und Kuchen platziert. Anfänglich kam von meinen Kollegen ein wäääh oder ihhhhh. Doch auf mysteriöse Art und Weise waren die Insekten über Nacht weggegessen…..sie dürften also einen oder mehrere Abnehmer gefunden haben.

Zubereitungstechnisch wird empfohlen, die Tierchen entweder direkt aus der Verpackung zu naschen, mit dem Mörser zu zermahlen und zum Beispiel das Mehl damit anzureichern oder aber als Topping zu verwenden. Rezepte finden sich im world wide web zu Hauf.

Fazit

Ich glaube nicht, dass wir in Zukunft alle vor unserem Schokofondue sitzen werden und Heuschrecken tunken oder Mehlwürmer über den Salat streuen werden. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass wir die Tiere zermörsert zur Anreicherung von Mehl oder eben schon verarbeitet in Form von Burgerlaibchen verzehren werden. Viele der angebotenen Produkte (z. B. Insektenschokolade) sind auch keine Alternative zu Fleisch, die Lebensmittelwahl wird dadurch kaum nachhaltiger.

Es ist positiv, dass wir auf Insekten zurückgreifen, um Ressourcen zu schonen. Genauso kann man sie schonen, wenn weniger Fleisch bzw. nur jene Menge gegessen wird, die laut österreichischer Ernährungspyramide empfohlen wird (max. 3 Portionen mageres Fleisch pro Woche - 1 Portion entspricht einem handtellergroßen, fingerdicken Stück). Rotes Fleisch (z.B. Rind, Schwein, Lamm) und Wurstwaren sollten noch seltener gegessen werden.

Hülsenfrüchte, Nüsse, (Vollkorn-)Getreide, Ölsamen, Erdäpfel über den Tag verteilt und gezielt kombiniert (z.B. mit Getreide und Hülsenfrüchten, Sojaprodukten und/oder Ölsamen) decken ebenso den Proteinbedarf.

Hast du schon einmal Insekten gekostet? Haben sie dir geschmeckt? Glaubst du, dass Insekten in der westlichen Ernährung eine Zukunft haben? Erzähl mir von deinen Erfahrungen!

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