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Werbung aus der Sprühdose
Am Donaukanal hält Werbung über die Hintertür „Kunstform Graffiti“ Einzug. Wirklich schaurig.

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Werbe-Graffiti am Donaukanal (Bild: Ákos Vincze / Rotkäppchen und Goliath)

Ein Graffiti-Werbesujet am Donaukanal für den Hollywood-Blockbuster Atomic Blond sorgt für Empörung. Zumindest bei mir.

Über die Entwicklung, die der Donaukanal in den vergangenen Jahren genommen hat, möchte ich mich gar nicht beschweren. Details kann man hinterfragen, ja, aber im Großen und Ganzen hat sich der städtebauliche Masterplan bewährt. Die Gegend wurde attraktiviert und avancierte zu einem echten Highlight der Stadt. In den 2014 von der Stadtregierung festgeschriebenen „Gestaltungs- und Entwicklungsleitlinien für den Wiener Donaukanal“ wurde auch der „konsumfreien Erholungsnutzung“ Rechnung getragen. Dort heißt es: „Im Interesse der NutzerInnen des Donaukanals ist auf Ausgewogenheit zwischen kommerziellen Bereichen und Zonen ohne Konsumzwang zu achten.“ Kann ich nur unterstützen.

Zudem halte ich es für einen der genialsten Schachzüge der vergangenen Jahre, dass der Donaukanal im Rahmen der Aktion „Wienerwand“ für Graffiti-Künster zur Bemalung freigegeben wurde. Die bunten und bisweilen künstlerisch hochwertigen Arbeiten geben der sonst oft faden Stadt einen internationalen Anstrich. Und die kriminelle Energie vieler Graffiti-Künstler, illegal z.B. Züge zu besprühen, wurde damit auch erheblich gedrosselt.

Soviel zur Einleitung

Was mich nun wirklich ärgert, ist die dreiste Vermengung kommerzieller Interessen mit der (einst) devianten Kunstform Graffiti. Unlängst gesehen am Donaukanal. Einem internationalen Trend folgend, Graffiti als Werbeform zu missbrauchen, wurde auf dem Tel Aviv Beach-Gelände ein Graffiti in Auftrag gegeben, das den Kinostart des Hollywood-Blockbusters Atomic Blond bewerben sollte. Nun müsste mich das nicht übermäßig tangieren, den poshen Tel Aviv Beach besuche ich nicht. Dennoch gehe ich bisweilen daran vorbei – und so teile ich das Schicksal von täglich 60.000 Menschen; zumindest, wenn man der Werbeagentur, die dieses „Ding“ umgesetzt hat, Glauben schenken mag. Dass jetzt Werbung am Donaukanal Einzug hält, über die Hintertür „Kunstform Graffiti“, ist wirklich schaurig. Ich fühle mich belästigt.

Shitstrom in Sydney

Leichte Schadenfreude kam bei mir auf, als ich über eine Meldung mit dem Titel stolperte: „Agentur opfert berühmtes Graffiti für Kinowerbung – PR für Film ‚Mother‘ mit Jennifer Lawrence erregt Gemüter in Sydney“. Das berühmte (und von der Stadt Sydney geschützte) Graffiti "It's like a jungle sometimes" wurde mit einer Filmwerbung übermalt. Nicht nur wurde nun eine offizielle Untersuchung des Vorfalls eingeleitet. Ein Shitstorm brach über die verantwortliche Werbeagentur herein. "Ihr seid unverfrorene Lügner", ist unter anderem im Netz zu lesen. Auf die Aussage der Agentur, man stelle Künstler an und unterstütze die Street-Art-Szene, empört sich ein anderer: „Weder macht ihr Kunst, noch stellt ihr Künstler an. Im Gegenteil: Ihr nutzt eine Nischenkultur aus, von der ihr kein Teil seid, und eure 'Künstler' sind Verräter." Das sitzt. Inzwischen ist das Werbesujet in Sydney wieder übermalt. Das am Donaukanal auch. Gut so.

 

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