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Ein intelligenter Spion

Smart Meter

"Intelligente Stromzähler" sollen uns das Leben erleichtern. Dennoch würden viele auf den "Spion im eigenen Haus" gerne verzichten. Warum will man uns das verbieten?

Die geplante Umstellung von herkömmlichen analogen Ferraris-Stromzählern zu digitalen Smart-Meter-Geräten sorgt für erhebliche Aufregung. Vom Spion im eigenen Haus ist die Rede, Hackern und Einbrechern werde das Leben leicht gemacht.
In der Tat erschließt die anvisierte Messung des Stromverbrauchs alle 15 Minuten und die automatische Weitergabe der Daten an den Netzbetreiber, dass sich Außenstehende ein genaues Bild über das Alltagsleben der Menschen machen – wann sind sie zu Hause, wann sitzen sie vor dem Fernseher und wann duschen sie. Mag sein, dass das den Netzbetreiber herzlich wenig interessiert. Aber wir wissen: Daten, die online ausgetauscht werden, können auch von unbefugter Seite gehackt werden. Beispiele aus dem Ausland haben die Möglichkeiten aufgezeigt – Einbrecher informierten sich über die Smart-Meter-Daten, wann die Wohnung leer stand, und schlugen dann zu; auch Fälle von Stromdiebstahl sind bekannt.

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Agieren wie ein Unternehmen
Ok, das mögen Einzelfälle sein, die man in Kauf nehmen kann, wenn die Vorteile eindeutig überwiegen. Was ist also das große Plus für die Konsumenten? Jeder Haushalt kann sich in Zukunft ein exaktes Bild über seinen Stromverbrauch verschaffen. Genauso, wie es Industrie- und Gewerbekunden heute schon machen. Wenn man sich alle 15 Minuten die Verbrauchswerte auslesen lassen kann, bleiben auch Details nicht verborgen.

Und wenn man nicht will?
Warum aber kann man nicht auch digitale Zähler einsetzen, die keine smarten Funktionen bieten?
Es gibt zwar die Möglichkeit eines Opt-out, das heißt, jeder Haushalt kann verlangen, dass kein Smart Meter installiert wird. Dann bekommt er zwar dasselbe Gerät, es werden aber dessen intelligente Funktionen deaktiviert, es wird also auf „dummes“ Messgerät umgestellt. Das funktioniert per Software-Eingriff, den man kaum überprüfen kann und der (auch von unbefugter Seite) rückgängig gemacht werden kann. Eine physische Abschaltung der Funktionen wäre natürlich zuverlässiger, ist aber nicht vorgesehen.

Kampf um Zehntelcent
Jetzt können wir uns also bald wie kleine Unternehmer fühlen und die passende Stromtarifvariante für jede Tageszeit aussuchen. Doch – wer will denn das? Herrscht in Österreichs Haushalten wirklich das unstillbare Verlangen, mehrere Stromtarife so lange zu mixen, bis die Gesamtkosten bis zum letzten Cent optimiert sind? Schätzungen zufolge kann sich der durchschnittliche Haushalt auf diesem Weg rund 17 Euro ersparen – pro Jahr.
Dank viertelstündlicher Ablesung können wir feststellen, wo die geheimen Stromfresser verborgen liegen – na, wenn das nicht mindestens so spannend ist wie ein durchschnittlicher Tatort-Krimi! Nehmen wir einen Haushalt, der fürs Heizen und Kochen keinen Strom benötigt: Wie groß wird da die Überraschung sein, wenn man feststellt, Waschmaschine, Geschirrspüler und Bügeleisen sind die Geräte, die am meisten ins Gewicht fallen? Und haben wir das einmal festgestellt, werden wir sie (soweit möglich) flugs so programmieren, dass sie Punkt drei Uhr früh zu laufen beginnen, weil dann der Tarif vermutlich am niedrigsten sein wird. Die Nachbarn werden es uns danken!

Ohne Zwang geht´s auch
Wieder einmal werde ich das Gefühl nicht los, dass sich hier Leute etwas ausgedacht haben, die die Bedürfnisse und Ansprüche durchschnittlicher Haushalte bestenfalls vom Hörensagen kennen. Bei Großverbrauchern macht es ja durchaus Sinn, ein paar Zehntelcent je Kilowattstunde einzusparen. Da ist es die Mühe wert, den Verbrauch regelmäßig zu kontrollieren und gegebenenfalls die Nutzungszeiten zu ändern. Haushalte, die eine Photovoltaikanlage besitzen, haben natürlich größtes Interesse daran, genau zu überprüfen, wie viel Strom sie wann ins Netz einspeisen und wie viel sie entnehmen. Nur: Warum sollte das den typischen Vier-Personen-Haushalt mit 4000 kWh Strombedarf pro Jahr auch nur am Rande interessieren? Warum die Eile, warum der Absolutheitsanspruch?

Angesichts vieler ungeklärter Fragen und der Tatsache, dass die Umstellung bis 2019 gar nicht mehr zu schaffen sein wird, plädieren nun immer mehr Branchenkenner dafür, die Quote neu zu interpretieren. Bisher hieß es ja, dass 95 Prozent der Haushalte mit Smart Meter ausgestattet werden sollen. Was bedeuten würde, dass nur 5 Prozent einen „intelligenten“ Zähler verweigern dürfen. Jetzt neigen viele eher zu der Auffassung, dass alle Zähler, die kommunikationsfähig sind, zur Quote von 95 Prozent gezählt werden sollten, auch wenn sie nicht aktiviert sind. De facto würde das bedeuten, dass Konsumenten keine Angst mehr zu haben brauchen, dass ihnen das Opt-out vorenthalten wird, weil bereits vor ihnen mehr als 5 Prozent dafür optiert haben. Eines kann man aber nicht verhindern: Dass man einen Smart Meter installiert bekommt – das war allerdings von Anfang an klar.

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3 Kommentare

HH

Falls jemand am 19.03.2017 Teletext auf ORF1 gelesen hat: in den Niederlanden wurde von Verbraucherorganisationen festgestellt, daß der von Smat Metern angezeigte Stromverbrauch bis zu 600% (!!!) über dem tatsächlichen Verbrauch lag. Seltsamerweise war diese Meldung nur kurz zu sehen, sie wurde auch keiner Tageszeitung erwähnt. Alles klar?

Das die Netzbetreiber Interesse am Verbrauchsverhalten der Konsumenten haben ist ja nachvollziehbar. Um für die nötige Sicherheit zu sorgen, muss der Betreiber schon vor Vortragsabschluss in die Pflicht genommen werden - z.B. Entschädigungszahlung von min. Summe xxx bei ungewollter Veröffentlichung der Daten. Ich würde dem Datentransfer nur zustimmen, wenn ich als Konsument JEDERZEIT die volle Kontrolle über die Daten habe. D.h. ich möchte die aktuellen Verbrauchsdaten jederzeit und einfach (außen am Zählerkasten!) selbst abrufen können mit frei wählbarem Intervall. Von allen an die Netzbetreiber übermittelten Daten bekomme ich eine digitale Kopie z.B. via E-mail automatisch und kostenfrei zugesandt. Jede Änderung der Inhalte/Qualität der Daten muss schriftlich vereinbart werden. Ich kann die automatische Übermittlung der Daten jederzeit und einfach stoppen - mechanisch, ist mit Software nicht übersteuerbar!

gv

1. Es sind die Daten von uns Konsumenten, für die wir kein Entgelt bekommen und die sich wieder jemand unrechtmäßig aneigenet und es geht sicher nicht um die Bedürfnisse der Konsumenten besser zu befgriedigen.

2. Es ist erstaunlich, wie wenig es bei den neuen Produkten um die Interessen der Konsumenten geht. Vielmehr hat man den Eindruck, die Produkte und der Prodiktdschungel generell sind ein Vehikel zur Gewinnmaximierung - z.B. die Lebensdauer wird ständig gesenkt: ein ElektroRasierer lebte früher 20 Jahre, heutzutage 2,5 Jahre und der Preis  - wertbereinigt - blieb ziemlich konstant.

3 .Zur optimalen Bedürfnisbefriedigung bräuchte man uns Konsumenten nur befragen, wie wir was haben wollen - vor der Produktion - so kann ich nur kaufen, was es schon gibt.

Angesichts des Informationszeitalters eine Schande, uns nicht direkt zu fragen!

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