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Heal the Facebook-World
Ein paar Gedanken darüber, wie wir gemeinsam mit Mark Zuckerberg die (Online-)Welt zwar nicht retten, aber ein Stück besser machen können

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VKI-Blog: Heal the Facebook-World (Bild: sdecoret / Shutterstock.com)

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg nimmt den Aufruf aus Michael Jacksons Song „Heal the World“ ernst. Er möchte die Welt zu einem besseren Ort für alle Menschen machen. Auf dem Weg dorthin darf sich allerdings keiner der Beteiligten aus seiner Verantwortung stehlen. Ein mögliches Scheitern ist kein Grund, es nicht zu versuchen.

Zweifellos(e) Amerikaner

Mark Zuckerberg hat vermutlich keine Zweifel daran, dass er es schaffen kann, denn er ist Amerikaner, und Amerikaner zweifeln nie daran, dass sie es schaffen können. Scheitern ist dabei eine mögliche Begleiterscheinung, aber anders als bei uns bedeutet es nicht das Ende, sondern den Beginn eines neuen Anlaufs.

Obama und der Baumeister

„Yes we can!“ rief einst auch Barack Obama, wobei er dabei angeblich auf den Helden der gleichnamigen Kinderserie „Bob der Baumeister“ zurückgegriffen hat. Auch der hat diesen Slogan freilich nicht selbst kreiert, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Macht der Masse

Warum glaubt Mark Zuckerberg, dass er es schaffen kann? Weil er naiv ist? Vielleicht. Aber vor allem auch, weil er die Macht hat. Keine herkömmliche, auf der politischen Bühne erworbene, sondern die Macht von bald zwei Milliarden Facebook-Nutzern, die oft weite Teile ihrer Informationen darüber, was auf der Welt vor sich geht, aus dem größten aller sozialen Netze beziehen.

Absurd, aber glaubwürdig

Wie real diese Macht ist, lässt sich anhand der Vorgänge im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf nur vermuten. Sie zeigt sich aber deutlich an Geschichten wie jener, dass ein indisches Restaurant in London in seiner Existenz bedroht war, weil auf Facebook die Nachricht kursierte, dass dort Menschenfleisch serviert werde. Absurd, möchte man meinen, doch manche Nutzer sind nur allzu schnell bereit, solche Meldungen für bare Münze zu nehmen. Andere wiederum sind als Trolle unterwegs und provozieren, verbreiten bewusst Falschmeldungen („Fake News“) aller Arten oder stiften mit Hasspostings („Hate Speech“) Unfrieden.

Verantwortung? Welche Verantwortung?

Mark Zuckerberg hat die Macht, aber kann er sie auch steuern, entgleiten ihm die Dinge bzw. hatte er überhaupt jemals die Fäden in der Hand? Und ist ihm eigentlich bewusst, welche Rolle ihm durch den gewaltigen Erfolg seiner Social-Media-Plattform zukommt? Julia Jäkel aus der Vorstandsetage des deutschen Verlagshauses Gruner+Jahr hat es auf dem unlängst in Wien abgehaltenen European Newspaper Congress folgendermaßen formuliert: „Man braucht viel guten Willen, um zu glauben, das Mark Zuckerberg schon erkannt hat, welche Verantwortung er hat.“

Minister im Alleingang

Da stimmt es schon bedenklich, wenn der deutsche Bundesjustizminister Heiko Maas quasi im Alleingang versucht, den Entwurf für sein sogenanntes Netzwerkdurchsetzungsgesetz durchzubringen. Dieses würde Facebook & Co. unter Androhung hoher Geldstrafen dazu verpflichten, effizient und rasch Falschmeldungen und Hasspostings als solche einzustufen und zu enfernen.

Entwurf mit Sprengkraft

Was im ersten Moment recht vernünftig klingt, hat politische Sprengkraft: Es würde nämlich bedeuten, dass der Rechtsstaat die Entscheidungshoheit darüber, was wahr oder falsch, was zulässig oder unzulässig ist, was online bleibt oder gelöscht wird, an ein privates Unternehmen überträgt, dessen Hauptsitz sich in Übersee befindet und das sich ohnehin nur sehr widerwillig der europäischen Rechtsprechung unterwirft. Glücklicherweise sehen die deutschen Medien, die Justiz, die anderen Parteien, aber auch viele von Maas‘ Parteifreunden den Entwurf äußerst kritisch, ja sogar demokratiepolitisch bedenklich.

Auch soziale Medien sind eben Medien

Facebook selbst hat wenig Lust, sich eine solch schwierige und aufwendige Aufgabe aufzwingen zu lassen. Das Unternehmen sieht die Verhinderung und Bekämpfung von Falschmeldungen und Hasspostings als öffentliche Aufgabe. Hier macht man es sich freilich auch wieder zu einfach, was aber auf ein grundsätzliches Problem im Hintergrund hinweist: Facebook und andere Social-Media-Dienste werden bisher nicht als Medien im klassischen Sinne gesehen, was sie nach Meinung vieler europäischer Branchenvertreter aber sind.

Regeln einhalten, Steuern zahlen

Johann Oberauer vom gleichnamigen heimischen Medienfachverlag hat seine Forderung auf dem European Newspaper Congress sinngemäß so ausgedrückt: „Facebook und Co. sind natürlich ebenfalls Medien. Sie müssen sich den gleichen Regeln unterwerfen, wie sie für klassische Medien bestehen. Rechtliche Rahmenbedingungen sind erforderlich, ebenso eine steuerliche Gleichstellung. Die fehlende Steuerleistung ist auch ein Schaden für die Gesellschaft.“ (Aktuelle Informationen zur Steuerproblematik können Sie hier nachlesen).

Was wir brauchen

Für mich steht fest: Wir brauchen kein Gesetz, das einem privaten Unternehmen noch mehr Einfluss zuschanzt, als es ohnehin schon hat. Wir brauchen auch keine von oben verordneten Maßnahmen, die in Richtung eines Überwachungsstaates mit Zensur, unbeschränkter Vorratsdatenspeicherung etc. gehen. Davon haben wir in Europa schon seit den Zeiten von Fürst Metternich im Übermaß genossen.

Was wir brauchen, ist:

  • Eine auf die aktuellen technischen Gegebenheiten abgestimmte, zeitgemäße Gesetzgebung. Kürzlich hat z.B. ein deutsches Gericht in einem mit Facebook in Zusammenhang stehenden Fall auf das im Bürgerlichen Gesetzbuch festgehaltene Erbrecht zurückgegriffen, das im Wesentlichen aus dem Jahr 1900 stammt. Und das ist ja doch schon ein paar Wochen her ... (falls Sie wissen möchten, wie die Sache letztlich ausgegangen ist, können Sie dies hier nachlesen).
  • Klare Spielregeln für die Sozialen Medien. Diese dürfen sich nicht länger im mehr oder weniger rechtsfreien Raum bewegen, sondern müssen in jeder Hinsicht den herkömmlichen Medien gleichgestellt sein.
  • Die Schaffung eines Bewusstseins bei Mark Zuckerberg und Co. für die gesellschaftliche und politische Verantwortung, die sie aufgrund ihrer marktbeherrschenden Stellung haben, und dafür, dass sie sich dieser Verantwortung nicht entziehen können.
  • Die Schaffung eines ebensolchen Verantwortungsbewusstseins bei allen Nutzern für die weitreichenden Folgen, die ihr Handeln im Internet haben kann. Dazu gehört auch die KIarstellung, dass das Recht auf Meinungsfreiheit nicht gleichzusetzen ist mit dem trotzigen Ausruf „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ und das Löschen eines Kommentars nicht mit Zensur.
  • Die Bestärkung der verantwortungsbewussten Nutzer darin, gemeinsam mit den seriösen Medien als Korrektiv gegenüber den Verbreitern offensichtlicher Fake News aufzutreten. Im Zusammenhang damit ist es übrigens interessant zu wissen, dass nicht längst alle Hasspostings unmittelbar menschlichen Ursprungs sind. Mittlerweile kommen sogenannte Social Bots zum Einsatz, also Roboter in Form von Software, die automatisch Kommentare abgeben, um das Vorherrschen einer bestimmten Meinung zu suggerieren.

Es braucht jedenfalls gemeinsame Anstrengungen von allen Seiten, um die (Online-)Welt – im Kleinen wie im Großen – ein Stück besser zu machen. Heilbar ist sie ohnhin nicht. Das zu glauben, wäre naiv, denn wie es in einem alten Witz heißt: Treffen sich zwei Planeten und einer fragt den anderen: „Wie geht’s dir?“ – „Schlecht.“ – „Warum?“ – „Ich habe Menschen.“

Die eigentliche Pointe dieses Witzes, nämlich „Mach dir nichts draus, das geht vorbei“, lassen wir jetzt einmal beiseite. Schließlich geht es uns ja doch auch um das Wohlergehen der Menschheit.

Yes we can!

Da Facebook nicht nur ein beliebter Ort für Katzenbilder, sondern auch für Zitate und Sprichworte ist, möchte ich mit einer von mir leicht adaptierten afrikanischen Weisheit schließen: Wenn viele kleine, verantwortungsbewusste Leute an vielen kleinen Orten viele kleine, wohlüberlegte Dinge tun, können sie Facebook und die Gesellschaft verändern – umso mehr, wenn sie von den „großen“ Verantwortungsträgern dabei unterstützt werden. Und das hat dann nichts mit Naivität zu tun, sondern mit dem erwähnten Verantwortungsbewusstsein, dem wir uns alle nicht entziehen dürfen. Übrigens: Die Möglichkeit des Scheiterns wird nicht als Ausrede akzeptiert, es gleich gar nicht zu versuchen!

P.S.: Es gibt laut EU-Kommission bereits kleine Fortschritte im gemeinsamen Kampf gegen den Hass im Netz zu vermelden.

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1 Kommentare

Bild des Benutzers fkiefmann

Hallo, ein paar große Player der Internet- und Social Media-Welt haben freiwillig einen Verhaltenskodex der EU-Kommission unterschrieben. Darin verpflichten sie sich u.a. dazu, auf Meldungen von "hate speech" in max. 24h zu reagieren. Vor kurzem wurde ihr Vorgehen evaluiert. Die Ergebnisse kann man in unserem aktuellen Artikel nachlesen: http://europakonsument.at/de/page/erste-erfolge-gegen-online-hetze