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Mikroplastik

Vermeidung wird zur Selbstverteidigung

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Die Vermeidung von Mikroplastik wird für KonsumentInnen zur Selbstverteidigung! Lesen Sie mehr in unserem Blog. (Bild: Yarmolovych/shutterstock.com)

Unsere Meere haben sich zu einer riesigen Mülldeponie entwickelt und Mikroplastik ist mittlerweile in der “unberührten” Antarktis angekommen. Alternativen und einheitliche, gesetzliche Kennzeichnungen der Produkte sind noch Zukunftsmusik. Warum eigentlich?

Fische mit Kunststoff im Verdauungstrakt, Inseln aus Müll –  daran denke ich, wenn ich durch die Gänge des Supermarktes schlendere. Wasser, Käse, Obst, Waschmittel, Butter – Plastik wohin das Auge reicht. Hier ist es vergleichsweise einfach Alternativen zu finden, wenn man das möchte: Glasflaschen (vorzugsweise Mehrweg) statt PET und der Rucksack oder die Stofftasche als Einkaufsbegleitung im Alltag integrieren. Öfters zu den hiesigen Märkten gehen. Doch bei Mikroplastik wird die Situation und Vermeidung  für KonsumentInnen wie mich schon komplizierter. Obwohl ich das geliebte Glitzer aus meiner Kindheit und Strohhalme, wie Plastiksackerl mittlerweile weitgehend versuche aus meinem Alltag zu verbannen, bin ich sicher, dass das Problem und die breitflächige Vermeidung komplizierter sind. Ich stelle mich also der Frage:

Was ist Mikroplastik eigentlich?

Und wo finde ich es überall? Offiziell werden Plastik-Partikel, die kleiner als 5 Millimeter sind, als Mikroplastik bezeichnet. (Quelle: Umweltbundesamt). Das menschliche Auge kann sie kaum erkennen und doch sind sie ein fester Bestandteil unseres Alltags geworden. Sie finden sich in unserer Nahrung, der Kosmetik, sie entstehen bei der Reibung von Autoreifen und dem Waschen unserer Kleidung. Mit dem Verzicht auf synthetische Kleidung und jedem Mal fahren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln können wir viel bewirken. Ein Großteil, nämlich insgesamt 63 %, des primären Mikroplastiks in den Ozeanen wird dadurch verursacht. Da ich nicht mit dem Auto fahre stellt Mikroplastik in Alltagsprodukten für mich persönlich die größere Herausforderung dar – denn oft ist nicht klar, wo es enthalten ist und wo nicht.

Filtersysteme können die kleinen Plastikpartikel nicht zurückhalten und so landen sie über den Abfluss in den Meeren. Durch die Luft, die wir atmen oder über die Nahrung, die wir essen, findet das Mikroplastik dann wieder seinen Weg zurück zu uns KonsumentInnen. Es ist eine etwas andere Kreislaufwirtschaft bei der nicht Nachhaltigkeit, sondern Umweltverschmutzung im großen Stil das Ergebnis ist. Schon bei einem der jüngsten KONSUMENT-Tests konnten wir in 6 von 12 Meersalz-Proben Mikroplastik feststellen.

Auch Wissenschaftler der Heriot Watt Universität in Edinburgh fanden heraus, dass wir täglich Plastik essen. Bis zu 68.415 Mikroplastik-Fasern nimmt eine durchschnittliche Person jedes Jahr beim Essen zu sich. Die Fasern sind potenziell gefährlich, die genauen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit jedoch zu wenig erforscht.

Plastik wohin das Auge reicht

Vom Einkauf zu Hause angekommen, werfe ich einen Blick in meinen Kleiderschrank – das Ergebnis ist ernüchternd: Polyester wohin das Auge reicht. Etwas deprimiert setze ich mich in (nahezu) plastik-freier Montur vor den Fernseher und werde mit Werbung konfrontiert: Dort werden kleine Kunststoffkugeln als „Wundermittel“ beworben z.B. als Perlen in der Zahnpasta. Zwar gibt es seit 2014 eine Selbstverpflichtung der Hersteller in Österreich, Deutschland und der Schweiz weitgehend auf Mikroplastik zu verzichten - es gibt allerdings unzählige Schlupflöcher und die vollständige Umsetzung wird noch dauern. Hier werde ich stutzig;

Wieso kann man kein flächendeckendes Verbot von Mikroplastik durchsetzen? Das Problem zeigt sich in meiner Recherche: Eine einheitliche, internationale Definition von Mikroplastik gibt es nicht.

Die Spitze des Eisberges

Als bewusste Konsumentin wünsche ich mir eine klare Kennzeichnung, ähnlich wie bei Allergenen, Nano-Partikeln oder koffeinhaltigen Lebensmitteln. VerbraucherInnen haben das Recht zu wissen, was sie konsumieren, vor allem, wenn es nicht natürlich ist und die Langzeitfolgen auf Gesundheit und Umwelt noch zu wenig erforscht sind.

Meine Kollegin Birgit Schiller (aus der Untersuchungsabteilung des VKI) kritisiert vor allem, das momentane Verständnis. Handelt es sich um Mikroplastik, wenn es eigentlich im Produkt flüssig ist und nachher fest wird? Nach der momentanen Definition nicht. “Wenn ja müssten wir sämtliche Stylingprodukte kennzeichnen, wie Haarspray oder Haargel”, so Birgit Schiller. Auch die Selbstverpflichtung der Kosmetik-Hersteller wird damit nichtig, denke ich. Die Regelungen sind zu oberflächlich, weitere Formen von Mikroplastik sind aus dem Verständnis ausgegrenzt und die kleinen Partikel richten laufend weiter Schaden an.

Eine einheitliche Definition würde den Grundstein für eine internationale Deklarationspflicht legen. Mikroplastik in der Kosmetik ist allerdings nur die Spitze des Eisberges. Das globale Problem verlangt nach einer großflächigen Plastik-Strategie, denn, wenn großer Plastikmüll über Flüsse oder direkt ins Meer gelangt, werden sie durch Wetter und Gezeiten zu sekundärem Mikroplastik zerkleinert.

Unterstützung für den Alltag

Im täglichen Leben gestaltet sich die strikte Einhaltung der Standards, die man sich selbst setzt, oft herausfordernd. Im Fall von Mikroplastik macht die fehlende Kennzeichnung den Weg für KonsumentInnen schwerer. Für Menschen, die sich nicht konkret mit der Thematik befassen ist es fast unmöglich Mikroplastik im Kleingedruckten zu entdecken, oft fehlt auch einfach die Zeit. Wer dennoch sichergehen möchte, dass die gekauften Produkte plastikfrei sind, der sollte zum Beispiel folgende Inhaltsstoffe vermeiden: Acrylate Copolymer (AC), Polyamide (PA, Nylon), Polyacrylate (PA), Polyethylene glycol (PEG) oder Polyvinylpyriolidon (PVP).

APP-Tipps: BEAT THE MICROBEAD und Codecheck

Im Zuge der Recherche habe ich die Apps „Beat the Microbead“ und „Codecheck“ kennengelernt. Beide arbeiten nach demselben System: Mittels Barcode-Scan können Produkte auf Mikroplastik oder weitere umstrittene Inhaltsstoffe geprüft werden. Auch Allergene, Silikon oder Erdölprodukte können mit den verschiedenen Apps ‚enttarnt‘ werden. „Beat the Microbead“ wurde im Jahr 2012 von der ‚Plastic Soup Foundation‘ ins Leben gerufen und wird unter anderem vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) gefördert. Derzeit unterstützen 95 Nichtregierungsorganisationen aus 40 Ländern und Regionen die Kampagne – Greenpeace war es punktuell in Österreich. In meinen Augen lässt die Datenbank der App zu wünschen übrig, allerdings findet man auf der Website eine nützliche Auflistung von Kosmetika, die Mikroplastik enthalten.

Meine Email an die ‚Plastic Soup Foundation‘ wurde noch nicht beantwortet. Wer klassifiziert die gemeldeten Produkte? Werden die Produkte noch erweitert? – das sind in meinen Augen offene Fragen. Auch Codecheck funktioniert nach diesem System: Dort findet man Bewertungen zu sämtlichen Inhaltsstoffen in Kosmetik, Lebensmitteln, Reinigungsmitteln und Spielzeug. Die App lebt vor allem von der Community: Fehlt ein Produkt, so können UserInnen dieses mit Fotos und Beschreibung einreichen. Codecheck beruft sich dabei auf Bewertungen vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, dem California Department of Public Health (USA) oder dem Cosmetic Ingredient Review (USA).

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Codecheck: Produkte können mittels Barcode-Scan auf Inhaltsstoffe untersucht werden.

Codecheck: Produkte können mittels Barcode-Scan auf Inhaltsstoffe untersucht werden.

Auch die Europäische Kommission wird in Hinsicht auf die Funktionen einzelner Inhaltsstoffe in Produkten herangezogen. Der Scan funktioniert gut und die Datenbank umfasst 44 Millionen Produkte – bereitgestellt von Community und Herstellern. Wenn man die Rubrik ‚Über Codecheck‘ aufruft, gibt es dort eine Auflistung der verwendeten Datenquellen. Apps wie Codecheck oder Beat the Microbead stehen auch in der Kritik, was die Aktualität der Daten betrifft. Wie immer bei Online-Information gilt: kritisch sein, Medienkompetenz einsetzen, die Quellen zurückverfolgen und überprüfen. Dennoch braucht es Selbstverteidigungsinstrumente wie diese, um Plastik den Kampf anzusagen.

Wir tragen Verantwortung

Am Ende müssen wir uns fragen, welche Welt wir unseren Kindern und Enkelkindern hinterlassen wollen. Das Bewusstsein der Öffentlichkeit wird vor allem durch die Bilder getragen, die uns tagtäglich aus den Weltmeeren erreichen. Das Verständnis um Mikroplastik ist noch zu vage und undefiniert. Die Plastikvermeidung wird, finde ich, für KonsumentInnen zur Selbstverteidigung. Plastik ist einer der langlebigsten Stoffe, den wir künstlich produzieren und doch verwenden wir ihn für die kurzlebigsten Produkte und Zwecke. Die Politik muss die Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Welt setzen und wir KonsumentInnen müssen uns, wenn wir auf Plastik verzichten wollen, mit unserem eigenen Kaufverhalten auseinandersetzen.

 

Weiterführende Links:

 

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4 Kommentare

EG

Eine gute Alternative ist zb in Wien: https://füllbar.at/

Bild des Benutzers adermutz

Toller Blog, mir sind dadurch die Dimensionen des Themas Mikroplastik erst so richtig bewusst geworden.

Damit wirklich (fast) „alles gut wird“ brauchen wir allerdings unter anderen auch MEHRWEG-Glas und das besser regional (etwa 150 km). Auch die gute alte Wasserleitung anstelle von stillem Wasser in PET-Flaschen spart Geld und Umweltbelastung.

Das Wiedereinschmelzen von gesammelten Glasflaschen braucht nämlich kaum weniger Energie als die Erzeugung einer neuen Flasche (Glasschmelze um die 1000°C – viel CO2!). Das Glas hat auch hygienische Vorteile, weil je nach Plastik und Temperatur in Spuren so ungute Stoffe wie Acetaldehyd, Antimon oder Bisphenol A in das Getränk diffundieren können.

Der einfache Vergleich Glas versus Plastik ist also wie Äpfel mit Birnen vergleichen. Die bessere Lösung ist so wie Nachhaltigkeit eben komplexer … gerade aber wirbt eine große Biomarke mit Einweg-Glas für Milch und Joghurt.

Bild des Benutzers adermutz

Die schönste Stofftasche ist natürlich die mit dem Österreichischen Umweltzeichen smiley

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Umweltzeichen-Flashmob © Foto BMNT / Robert Strasser

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