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Telefonieren ohne Beigeschmack
Fairphone

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Ein Smartphone, das so nachhaltig wie derzeit möglich produziert wurde - das wollte ich haben. Meine Erfahrungen mit dem "Fairphone".

Wer sich beruflich mit nachhaltigem Konsum auseinandersetzt, muss ein gewisses Maß an Schizophrenie ertragen können. Man versucht, seine Leserinnen und Leser zu ermutigen, beim Einkaufen und Konsumieren immer auch die sozialen und ökologischen Folgen seines Handelns im Kopf zu behalten. Selber aber muss man sich eingestehen, dass man diesen Anspruch nicht tagtäglich erfüllen kann. Sei es aus Zeitnot, weil man kurz vor Geschäftsschluss noch schnell etwas fürs Abendessen besorgen muss; sei es, dass man die Laufschuhe des nachhaltigeren Unternehmens wieder ins Regal zurückstellt, weil die anderen optimal passen und man beim Laufkomfort keine Abstriche machen will; oder einfach deswegen (ja, auch das ist schon mal vorgekommen) weil man gedankenlos ist oder den bequemeren Weg bevorzugt.

Das alte Handy spielt verrückt

Dann – fast sowas wie ein Glücksfall: Mein Smartphone ist kaputt, der Touchscreen spielt verrückt, reagiert auf Eingaben falsch oder gar nicht. Eine Reparatur käme teurer als der Neupreis. Die Gelegenheit möchte ich nutzen, um einmal keine Zugeständnisse zu machen. Ich bin kein Apfel-Freak und keiner, der mit dem Handy zu Bett geht. Also warum ein Premium-Gerät um 700 oder 900 Euro erstehen, wenn es ein preiswerteres Modell (ca. 540 Euro) gibt, das den Anspruch hat, so fair wie derzeit möglich hergestellt worden zu sein, dessen Bauteile, sollten sie kaputt werden, auch von Laien selbst ausgetauscht werden können – kurz, das in punkto Nachhaltigkeit alle Markenprodukte in den Schatten stellt: Dem niederländischen Hersteller Fairphone ist es geglückt, ein konkurrenzfähiges Produkt auf den Markt zu bringen, im KONSUMENT-Test verfehlte es ein „Gut“ nur um einen Punkt, hochwertiges 5-Zoll-Display, einfache Bedienung, Betriebssystem Android 5.0.1, robust, wasserfest, … Einziger wirklich störender Schwachpunkt ist die Akkulaufzeit von lediglich 13 Stunden (halb so lang wie der gute Durchschnitt).

Alle Markenhersteller machen Kompromisse

Keiner der herkömmlichen Mobiltelefonhersteller kann mit den engagierten, aber stets realistisch bleibenden Ansprüchen auch nur annähernd mithalten. Trotz der in den letzten Jahren und Jahrzehnten aufgestellten Abteilungen, die die gesellschaftliche Verantwortung – mit dem Kürzel CSR (Corporate Social Responsibility) – in die Konzernzentralen bringen sollten, steckt die Umsetzung der häufig sehr ambitionierten Unternehmensphilosophie nach wie vor in den Kinderschuhen, immer wieder kommt es in der Praxis zu Rückschlägen – in den desolaten Werkshallen krepieren die Arbeiter und Arbeiterinnen oder sie werden rausgeworfen, wenn sie aufmucken. Im Zweifelsfall wird der hochbezahlte CSR-Manager ziemlich kleinlaut, wenn der Einkaufsmanager auf die Einhaltung von, für die Zulieferfirmen ruinösen, Lieferbedingungen besteht.

Die Alternative

Also ein gutes Gefühl, endlich einmal ein elektronisches Produkt erstehen zu können, ohne dass man den aufsteigenden schlechten Beigeschmack hinunterschlucken muss. Da nehme ich auch in Kauf, das Smartphone online zu bestellen mit Vorauskassa – etwas, wovor Konsumentenschützer ja grundsätzlich abraten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass da etwas schiefgeht. Die Bestellung über die Fairphone-Homepage geht erstaunlich rasch und problemlos über die Bühne. Die Bestätigung erfolgt postwendend, zusammen mit dem Hinweis, an welchem Tag voraussichtlich geliefert wird. Ich bereite mich darauf vor, dass die Lieferung vermutlich ein paar Tage später ankommen wird, aber ich bin damit zufrieden.

Zustellung klappt wie am Schnürchen

Umso mehr bin ich überrascht, dass ich vorzeitig über die bevorstehende Lieferung informiert werde. Und tatsächlich wird das Smartphone pünktlich zugestellt, an einem Freitagnachmittag. Gut, das kann man nicht nur dem Team von Fairphone gutschreiben, ist klarerweise auch ein Verdienst des Zustelldienstes DHL. Aber – anders, als wir von zahlreichen Beschwerden wissen – bin ich offenbar an einen Paketzusteller geraten, der alles richtig macht. Hilfreich mag gewesen sein, dass ich als Lieferadresse nicht meine Wohnung angab, die tagsüber leer steht, sondern an die Büroadresse, wo zu Bürozeiten immer jemand erreichbar ist.

Seit ich das neue Smartphone habe, ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich Funktionen nutze und Apps herunterlade, die ich zuvor als unnütz empfunden hätte. Das geht natürlich zu Lasten der ohnehin etwas kurz geratenen Akkulaufzeit… Ist vielleicht besser so, sonst würde ich am Ende noch zu einem jener Mitmenschen, die permanent auf ihr Smartphone starren und offenkundig aufgehört haben, die Welt um sich herum wahrzunehmen.

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2 Kommentare

Bild des Benutzers pblazek

Nein, 13 Stunden im Stand-by - das wäre wirklich etwas mickrig. Gemessen wurde die Akku-Laufzeit an Hand eines Zyklus, in dem verschiedene Nutzungen durchlaufen werden. Konkret heißt es in den Testkriterien:

Die Messungen der Akkulaufzeit wurden mithilfe eines Industrieroboters durch ein standardisiertes Nutzungsszenario nachgestellt, so lange bis der Akku leer war. Die Messungen basieren auf folgenden Annahmen: 7,5 Minuten YouTube-Video pro Stunde, Navigation 1,25 Minuten pro Stunde, Telefonieren 2,5 Minuten pro Stunde zwei Nachrichten pro Stunde und fünf Fotos aufnehmen. Die restliche Zeit bleibt das Gerät auf Standby mit Wlan und GPS an.

Meine persönlichen Erfahrungen: Einen Tag komme ich auf jeden Fall aus, üblicherweise lade ich den Akku alle drei Tage auf.

Bild des Benutzers dbrindlmayer

Lieber Peter,

Eine Frage: Die Akku-Laufzeit von 13 Stunden - betrifft das den Zustand im Stand-by-Modus? Also quasi wenn du das Handy nicht aktiv nutzt, es aber trotzdem nicht im Flugmodus ist. Ich nehme an, wenn man aktiv etwas mit dem Fairphone macht (z.B. Telefonieren, Videos schauen, oder surfen), dann wird der Akku noch schneller leer. Oder?

Hast du da Erfahrungswerte dazu, wo da ja jetzt öfter zu Apps greifst. wink